APPENZELL · STIMMEN ÜBER DEM DORF

Was bleibt,
ist ihr Klang.

Sie rufen, begleiten und erinnern. Hoch über Appenzell tragen die Glocken von St. Mauritius die Geschichten eines Dorfes weiter.

Den Spuren folgen ↓

Nach der Schrift von Yvo Buschauer · Mai 2011

Eine historische Kirchenglocke als Illustration im Kupferstichstil
In Bronze gegossen. Im Gedächtnis geblieben.

01 / HERKUNFT UND HANDWERK

Aus Erde und Feuer wird eine Stimme.

Eine Glocke beginnt nicht mit einem Ton, sondern mit einer Form. Kern, «falsche Glocke» und Mantel entstehen Schicht für Schicht. Erst im schmalen Hohlraum dazwischen erhält die flüssige Bronze ihre spätere Gestalt.

Die Schrift führt die erste Erwähnung von Appenzeller Kirchenglocken auf 1355 zurück. Über Jahrhunderte wurden sie gegossen, ausgebessert und umgegossen. Eine kleine Glocke von 1509 überdauerte besonders viel: den Dorfbrand, die Reformation und den grossen Wechsel von 1923.

Ausführlich lesenVom Ursprung der GlockenOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Die Glocke ist ein weltweit in allen Kulturen verbreitetes Klanginstrument, dem von Anfang an magische und Unheil abwehrende Kräfte zugeschrieben wurden. Der Ursprung reicht weit in die vorchristliche Zeit zurück. Es gab schon in der Jungsteinzeit (etwa 3000 - 1800 v. Christus) Glocken aus ausgehöhlten Fruchtkörpern, Holz oder Ton. Die ersten Glocken dürften wohl aus China stammen aus dem zweiten bis fünften Jahrtausend v. Christus. Dort wurden schon um 3000 v. Christus Gongs aus Kupfer gehämmert; später Bronzeglocken, die mit einem Holzbalken angeschlagen wurden. Im Morgenlande verwendete man Schallbretter oder heilige Bretter. Im Abendlande waren Holztafeln oder Klappern in Gebrauch, ähnlich wie sie heute noch in den katholischen Kirchen in der Karwoche benützt werden. Das waren in frühester Zeit jene Zeichen, mit welchen zum Gottesdienst oder zu einer Versammlung gerufen wurde. Schon zur Zeit des Alten Testamentes verwendeten die Israeliten glockenspielähnliche Musikinstrumente. Die Römer gaben das Zeichen zur Eröffnung und zum Schliessen der Bäder mit den Glocken. Im Christentum werden Glocken seit dem 6. Jahrhundert verwendet. Im Kloster St. Gallen befindet sich neben dem Gallusaltar eine Glocke des hl. Gallus, welche geschmiedet ist und aus dem 7. Jahrhundert stammt.

Eisenglocken wurden von den besser klingenden Bronzeglocken verdrängt. Seit dem 9. Jahrhundert werden die Glocken im Turm aufgehängt, in Italien oft auch in neben den Kirchen freistehenden „campaniles“. Glocken werden seit Jahrhunderten aus Glockenbronze hergestellt, einer Legierung aus 78 % Kupfer und 22 % Zinn, wodurch die Glocken ihren edlen Klang erhalten.

Seit dem 11. Jahrhundert werden die Glocken mit Inschriften versehen und mit den Namen der Stifter und den Heiligen, denen sie geweiht sind. Die ursprünglichen Glocken waren meistens in Bienenkorbform oder vier- oder achteckig und aus Bronzeblech oder Kupferplatten zusammen geschmiedet. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es gewerbliche Glocken-Giessereien.

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Ausführlich lesenTraditionelle Herstellung von GlockenOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Heute wird zuerst ein innen hohler Glockenkern gemauert und mit Lehm bestrichen. Die Lehmschicht wird mit einem rotierenden Schaber abgezogen und muss danach austrocknen. Dann wird ein Trennmittel (Fett, Talg oder Graphit) aufgetragen. Auf diese Schicht kommt wieder Lehm, der genau die Form der späteren Glocke hat. Diese Schicht wird „falsche“ Glocke genannt. Nachdem sie getrocknet ist, werden auf ihr alle Verzierungen und Schriften aus Wachs aufgebracht. Auf die Wachsschicht kommen mehrere Schichten Lehm in unterschiedlicher Feinheit, damit sich die Verzierungen auch optimal abbilden. Diese äussere Form heisst „Mantel“; sie wird mit einem Feuer im hohlen Kern ausgebrannt. Anschliessend wird der Mantel abgehoben und die falsche Glocke zerschlagen, danach der Mantel wieder aufgesetzt.

Der Hohlraum zwischen Kern und Mantel wird hernach mit der „Glockenspeise“ aus Bronze bei 1100 Grad Celsius aufgefüllt. Damit das Ganze nicht auseinander driftet, wird die Gussform im Boden eingegraben und ordentlich verdichtet.

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Ausführlich lesenErstmals Glocken in Appenzell erwähntOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

In Appenzell werden Kirchenglocken erstmals im Jahre 1355 urkundlich erwähnt, als sie und diejenigen von Altstätten beim damaligen starken Erdbeben im Oktober von selbst angeschlagen haben.

Aus alten Landrechnungen geht hervor, dass am 29. Oktober 1495 Jörg Bisenberg in Kaufbeuren - ein fachvertrauter Meister - vom Landammann und Rat von Appenzell den Auftrag erhielt, für die zwei grösseren Glocken ein neues Joch anzufertigen. Das ist ein erster Hinweis, dass bereits damals mehrere Glocken im St. Mauritiusturm hingen.

Um 1499 schlossen die Kirchenpfleger von Appenzell mit Hans Nötwiler in Konstanz einen Vertrag ab über den Guss einer neuen Glocke für 2 rheinische Gulden pro Zentner.

Die älteste noch heute teilweise erhaltene Glocke von Appenzell, die Winkelglocke (oder Feuerglocke), stammt aus dem Jahre 1509. Die lateinische Inschrift in Fraktur lautet: „AVE MARIA GRATIA PLENA DOMINUS TECUM ANNO DOMINI M CCCCC IX“, auf deutsch: „Gegrüsst seist Du Maria, voll der Gnaden“. Diese Glocke hat den Dorfbrand überstanden. Nach dem Ton zu schliessen, hatte sie aber einen geheimen Mangel. Sie wog 12 Zentner und wurde 1560 umgegossen.

Eine weitere noch erhaltene Glocke, die Lehrglocke (oder Kinderglocke), stammt ebenfalls aus dem Jahre 1509 und kündigte jeweils die Christenlehre an. Sie hat eine unverzierte Form, einen Durchmesser von 85 cm und wiegt 6,6 Zentner. Die Glocke hat keine Bilder, keinen Giessernamen und man weiss auch nicht, wo sie gegossen worden ist. Die lateinische Inschrift in gotischen Minuskeln lautet (übersetzt): „lasset die Kindlin zu mir kommen – denn irer ist das rich der himlen ano domini m ccccc ix“. Sie wurde unter Pfarrer Theobald Hurter gegossen und ist noch sehr gut im Ton (c-des). Sie hatte während der Zeit, als 1923 die Glocken erneuert wurden, ausgezeichnete Dienste geleistet, indem sie damals ganz allein mit ihrer hellen Stimme die Gläubigen zum Gottesdienst rief. Diese Glocke hat auch die Stürme der Reformation durchgemacht und den Dorfbrand überstanden. Sie blieb dank der Intervention von Dr. Albert Rechsteiner und auf Beschluss der Kirchhöri vom 18. März 1923 vor dem Einschmelzen bewahrt und hängt heute noch als Schutzengelglocke im St. Mauritiusturm.

Die nächste Glocke goss Hans Füssli in Zürich im Jahre 1521 mit einem Gewicht von 40 Zentner.

1559 goss wiederum Peter Füssli ein ganzes stattliches Geläute von sechs grossen und vier kleinen Glocken für Appenzell. Die schwerste dieser Glocken wog 78,47 Zentner. Die Frauenglocke wog 44 Zentner, die Mess- oder Betglocke 25, die Winkelglocke 13 und die Vesperglocken 7, bzw. 1 Zentner.

Allerdings wurden sieben dieser Glocken aber schon im folgenden Jahr beim grossen Dorfbrand am 18. März 1560 ein Opfer der Zerstörung. Ausser der Winkelglocke und Lehrglocke sind alle anderen Glocken eingefallen und geschmolzen. Es musste ein ganzes neues Geläute angeschafft werden.

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02 / ZERSTÖRUNG UND ERNEUERUNG

Das Dorf verlor seine Glocken. Nicht seine Hoffnung.

Am 18. März 1560 verwüstete der grosse Brand Appenzell. Auch das Geläute wurde schwer getroffen. Noch im selben Jahr goss Peter Füssli neue Glocken vor Ort – dort, wo Menschen sich sonst zur Landsgemeinde versammelten.

Die folgenden Jahrhunderte erzählen nicht von dauerhafter Ruhe, sondern von Rissen, neuen Güssen und gemeinsamer Anstrengung. 1750 halfen über 400 Menschen beim Transport einer Glocke; rund 200 Männer zogen sie in den Turm.

Ausführlich lesenDie Glocken nach dem DorfbrandOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Das neue Geläute wurde am 24. August 1560 abermals durch Peter Füssli von Zürich gegossen und zwar sechs Glocken für die Pfarrkirche St. Mauritius sowie je ein Glöcklein für das Beinhaus und die Kreuzkapelle. Wegen fehlenden Transportmöglichkeiten wurden die Glocken auf dem Landsgemeindeplatz, der sich damals noch im Ziel drunten befand, gegossen. Zuerst musste dort mit vielen Arbeitskräften eine Schmelzhütte errichtet werden. Dann musste Kohle herbei geschafft werden zum Unterhalt des Schmelzfeuers. Dieses Material wurde vor allem im Gebiet der Trogner-Rhod geschürft. Die drei grossen Glockenjoche wurden von Marbach her gebracht.

Die Gussformen wurden direkt in den festen Boden eingelassen. Die Grosse Glocke wog nach dem Umguss um die 120 Zentner, wurde 1598 aber wieder neu gegossen. Die Frauenglocke wog etwas über 53 Zentner und hielt nur 6 Jahre. Die Messglocke wog 29 Zentner und hielt auch nur 6 Jahre. Die Winkelglocke (oder Feuerglocke) brachte 23,5 Zentner auf die Waage, die grosse Vesperglocke 7 Zentner und die kleine Vesperglocke 1,5 Zentner. Die Kosten für alle sechs Glocken beliefen sich auf 2'417 Gulden.

Im Jahre 1566 zersprangen jedoch die Frauenglocke und die Messglocke. Beide wurden 1567 neu gegossen.

Die kirchliche Weihe erhielten die Glocken aber erst am 25. Oktober 1590 durch den Weihbischof von Konstanz, Balthasar Wuhrer.

Das Sterbeglöcklein, 71 Pfund schwer, wurde unter Landammann und Kirchenpfleger Johannes von Haim im Jahre 1593 ebenfalls durch Peter Füssli in Zürich gegossen.

Die Grosse Glocke musste 1598 wiederum neu gegossen werden, da sie zerspalten und zerbrochen war. Glockengiesser war Mauritius Schwarz aus Luzern. Die Glocke hatte jetzt ein Gewicht von 95 Zentner. Jeder Landsmann musste daran pro 1000 Pfund Schillinge Vermögen 1 Gulden entrichten. Der Glockengiesser verewigte sich mit den Worten: „Aus dem Feuer floss ich, Mauritz Schwarz aus Luzern goss mich“.

Sie trug die Namen zweier Männer, die in der Landesgeschichte eine bedeutende Rolle gespielt haben und darum das grösste Ansehen im Lande genossen: Es waren dies Hauptmann Johannes von Haim, Kirchenpfleger und späterer Landammann, sowie der aus Herisau stammende Ritter und Landeshauptmann Conrad Tanner, Vater des heiligmässigen Kapuziners Philipp Tanner. Weiter waren darauf die Namen von Statthalter Ulrich Neff, Säckelmeister Johann Georg Räss, Baumeister Jakob Ulmann, Landschreiber Konrad Schiegg und Landweibel Willi Klarer verewigt. Die Glocke hing danach über 150 Jahre im Turm und war die Uhrahnin der heutigen Grossen Glocke. 1704 fiel sie wegen einem Bruch im Joch vom Turm, jedoch ohne Schaden zu nehmen. 1750 wurde sie dann nochmals gegossen.

Als Folge der häufigen Gottesdienste in der damaligen Zeit und bedingt durch die überaus zahlreichen Feiertage und Beerdigungen in der Pestzeit wurden die Glocken viel schneller verbraucht. Öfters mussten sie anders gehängt und die Glockenhaller und Glockenjoche kontrolliert und ersetzt werden.

1621 goss Hieronymus Gesus in seiner Werkstatt in Konstanz eine Kinderglocke unter Pfarrer Abraham Fässler und Kirchenpfleger Sebastian von Haim. Ihr Durchmesser beträgt 50 cm bei einem Gewicht von 1,5 Zentner (Ton h). Sie ist verziert mit Reliefs einer Kreuzigungsgruppe, mit dem Lamm Gottes und mit dem Wappen Inauen. Darüber befinden sich zwei schmale Zierkränzchen mit der Inschrift: „IERONMVS + GESVS + ZVO + CONSTANZ + HAT + MICH + GOSSEN 1621“.

1629 beschloss der Geheime Landrat, die Frauenglocke (oder Weiberglocke) aus dem Jahre 1567 in Appenzell umzugiessen, das Metall der bisherigen Glocke für die neue zu verwenden und sie solle wenigstens 60 Zentner wiegen. Man beauftragte dazu Meister Michael Meyer von Waldshut. Die Glockenprobe bestand darin, indem man die neue Glocke täglich eine Stunde läutete. Der Glockenguss im Jahre 1630 war dann aber allerdings nicht gut ausgefallen. Von Meyer wurde verlangt, dass er eine neue Glocke giessen müsse und zwar auswärts und ohne Bezahlung, da ja ein guter Guss vorher ausbedingt wurde. Weil die alte Glocke aber nur 38 Zentner wog, durfte er nicht mehr als 10 Zentner neues Material dazu nehmen. Doch befriedigte auch diese zweite Glocke nicht.

1636 musste die Grosse Glocke nachgebessert werden.

Die Frauenglocke wurde mehrmals umgegossen, in Stücke geschlagen und dem Schmelzgut wieder beigegeben. Der glückliche Guss einer neuen Frauenglocke gelang erst 1637 Meister Theodosius Ernst von Lindau unter Pfarrer Abraham Fässler und Kirchenpfleger Sebastian von Haim. Die Glocke wog 53,6 Zentner und kostete 853 Gulden (Ton C -02). Der Glockengiesser goss sie auswärts, übernahm aber die Verpflichtung, die Glocke auf eigene Kosten nach Appenzell zu transportieren. Sie war bezüglich Form und Tonreinheit ein Meisterwerk, obwohl sie ziemlich abgenutzt schien. Die Weihe erfolgte am 25. April 1642 durch Weihbischof Franz Johann von Prassberg.

1667 goss ein unbekannter Meister die Chlenkglocke (so der Name, weil sie meist nur einseitig angeschlagen wurde) unter Pfarrer Wolfgang Aebisegger und Kirchenpfleger Jakob Gschwend. Diese Glocke wiegt 24 Zentner und befindet sich seit 1923 in der Kirche Schlatt. 1928 wurde sie von der Firma Staal umgegossen.

Weil die Grosse Glocke einen Spalt aufwies, beschloss am 5. Mai 1750 der Neu- und Altrat einstimmig, die Glocke wieder neu zu giessen. Man verpflichtete dazu einen Glockengiesser aus Feldkirch. Bereits zwei Jahre zuvor hatte sich der Zuger Peter Ludwig Kaiser vergeblich um diesen Auftrag bemüht. Kirchenpfleger war damals Franz Anton Fässler unter Pfarrer Johann Baptist Bischofberger. Nachdem sich der dafür vorgesehene Giessort in Appenzell beim Beinhaus wegen einer Brunnenader nicht eignete, suchte man am 27. Mai im Ziel einen neuen Ort. Auch hier war der Erdboden zu wässrig und so erstellte man das Glockenhaus auf dem Landsgemeindeplatz, jetzt oben bei der Kreuzkapelle.

Am 2. Juni richtete ein Glockengiesser aus Feldkirch den First des Glockenhauses auf. Vier Tage später läutete man die alte Glocke zum letzten Mal. Dann wurde sie in Stücke zerschlagen und am 10. Juni fing man mit dem Guss von zuerst kleineren Glöcklein an. Eine starke Wache mit Gewehr musste Wache stehen. Am 28. Juni um 12 Uhr begann man in der Giesshütte zu feuern und unterhielt das Feuer sechseinhalb Stunden lang. In Anwesenheit vieler geistlicher und weltlicher Personen, die mit gebogenen Knien Gebete verrichteten, stiess man um halb sieben Uhr den Zapfen aus und begann mit dem Guss.

Am 4. August 1750 trafen der berühmte Turmdecker Jakob Grubenmann von Teufen und sein Bruder Ulrich in Appenzell ein um Vorbereitungen für den Glockenaufzug zu treffen. Nachmittags um drei Uhr des folgenden Tages ging man zur Giesshütte auf dem Landsgemeindeplatz, um die Glocke zu holen. Über 400 Personen beteiligten sich am Transport. Man zog sie auf einem besonders breiten Schlitten durch die Hauptgasse zur Kirche. Wegen einsetzenden Regens verschob man den Aufzug auf den anderen Tag. Nachdem dann ein „Vater unser“ und ein „Ave Maria“ gebetet wurde, zog man sie nachmittags mit Hilfe von etwa 200 Mann hinauf. Abends darauf wurde das erste Mal geläutet.

Die Glocke trug die Namen von Landammann und Pannerherr Karl Jakob Schiess, Statthalter Anton Maria Meggeli, Säckelmeister Johann Baptist Streuli, Landeshauptmann Johann Konrad Fässler, Kirchenpfleger Franz Anton Fässler, Bauherr Karl Franz Fässler, Landesfähnrich Franz Josef Schiess, Felix Clemens Antoni Geiger und Landschreiber Anton Geiger. Pfarrer war Johann Baptist Bischofberger und Präses Carl Marian Trinkh.

Auch dieser Grossen Glocke war keine lange Lebensdauer beschieden. Bereits 1765 musste ein neuer Akkord mit Peter Ludwig Kaiser und Christian Anton Brandenberg von Zug abgeschlossen werden. Der erste Neuguss von 1766 misslang allerdings, worauf der Giessermeister flüchtete.

1766 bot sich ein Altgeselle an, einen neuen Umguss der Grossen Glocke (oder auch „Manneri“, weil sie jeweils beim Begräbnis von Männern geläutet wurde) auszuführen, wenn ihm das Glockenmaterial ersetzt werde. Pfarrer A. J. Büchler rief in einer Predigt mit grossem Erfolg zur Abgabe von altem Silber auf. Frauen und Männer steuerten darauf silberne Löffel, alte Schuhschnallen, altes Silberzeug von der Tracht und Haarpfeile und Haarrosen bei. Diesmal geriet der Guss der Grossen Glocke, so dass sie sogar klanglich als eine der schönsten in der ganzen Schweiz galt. Die Weihe erfolgte am 18. Mai 1779 durch Weihbischof Hornstein von Konstanz.

Die Glocke hatte ein Gewicht von 122,3 Zentner, allein der Klöppel wog 5 Zentner; Ton: G + 03 B + 02 es + 05. Oben an der Haube befand sich ein schönes Rokoko-Ornament. Die Mitte schmückte ein Kreuzigungsbild, flankiert von Darstellungen Gott Vater und Heiliger Geist sowie des hl. Mauritius mit wehender Fahne. Die Modelle für die Glockenverzierung schuf Joseph Ulrich Hörler. Unter den Patennamen waren die Wappen der Herren in der Grösse von 5 cm angebracht. Am Schlagring prangte eine Inschrift des Glockengiessers: „Aus dem Feuer bin ich geflossen, Peter Ludwig Kaiser und Antoni Brandenberg von Zug haben mich gegossen 1766“.

Die Glocke trug die verewigten Namen von Landammann Joseph Anton Sutter, Landammann Johann Jakob Geiger, Statthalter Johann Konrad Fässler, Landessäckelmeister Johann Fässler, Landeshauptmann Johann Josef Signer, Landesbauherr Franz Anton Fässler, Landesfähnrich Franz Josef Schiess, Kirchenpfleger Josef Antoni Broger, Landschreiber Bischofberger, Landweibel Knechtli und Pfarrer Anton Josef Büchler. Der unglückliche Landammann Joseph Anton Sutter, der 1784 hingerichtet und 1829 wieder rehabilitiert wurde, war Glockenpate. Bei seiner Bestattung am 9. März 1784 läutete sein Patenkind allerdings nicht, erst bei seiner Rehabilitation am 29. November 1829.

Ein weiteres Glöcklein wurde 1779 in Feldkirch gegossen.

1793 goss Johann Leonhard Rosenlächer in Konstanz eine neue Vigilglocke unter Pfarrer Johann Baptist Gschwend und Kirchenpfleger Karl Jakob Füchsli. Sie hatte ein Gewicht von 3 Zentner, der Ton war „oberes es“. Die lateinische Inschrift lautete (übersetzt): „Der Name des Herrn sei gebenedeit“. Diese Glocke wurde 1923 nicht eingeschmolzen und kam in die katholische Kirche nach Gais.

Von den nach dem Dorfbrande 1560 gegossenen sechs Glocken war im Jahre 1923 keine einzige mehr vorhanden. Alle wurden mit den Jahren umgegossen, einige sogar mehrmals.

Grosse Glocke und Frauenglocke im hölzernen Glockenstuhl, um 1900.
Grosse Glocke und Frauenglocke im hölzernen Glockenstuhl, um 1900.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.
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03 / DER WINTER VON 1923

Ein Dorf zieht an einem Strang.

Im November 1922 bekam die Grosse Glocke einen Riss. Die Entscheidung von 1923 ging weit über eine Reparatur hinaus: Ein neues, harmonisches Geläute sollte entstehen. Den Auftrag erhielt die Glockengiesserei H. Rüetschi in Aarau.

Am 18. Dezember 1923 zogen über tausend Schülerinnen und Schüler die Glocken in den Turm. Ein eigens gefertigtes, 400 Meter langes Seil verband ihre Kräfte. Am Heiligabend erklangen die sieben neuen Glocken zum ersten Mal gemeinsam.

18.03.1923Beschluss der Kirchhöri
17.12.1923Glockenweihe
18.12.1923Gemeinsamer Aufzug
24.12.1923Das neue Geläute erklingt
Ausführlich lesenDie Grosse Glocke bekommt einen RissOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Bereits im Jahre 1847 stellte Kirchenpfleger Bischofberger den Antrag, wegen schädlichen Folgen sei die Grosse Glocke weniger zu läuten. Sein Wunsch wurde jedoch nicht ernst genommen. Ebenfalls blieb in den 90er Jahren eine neue warnende Stimme ungehört.

Am 21. November 1922 wurde in Appenzell Pfarr-Resignat Carl Albert Zotter, der hier vergeblich Heilung eines langwierigen Leidens gesucht hatte, beerdigt. Wie es von alters her Brauch war, dass bei einer Beerdigung jedes erwachsenen Mannes die Grosse Glocke (Dreifaltigkeitsglocke) geläutet wurde, sollte auch bei dieser Beerdigung die Grosse Glocke den Grabgesang singen. Zur nicht geringen Bestürzung der Bevölkerung wurde aber das Grabgeläute von Pfarrer Zotter sel. zum Grabgesang der grossen Glocke selbst. Kaum tönten ihre ersten Schläge über die spätherbstliche Landschaft, beunruhigte man sich schon über den herben, ungewohnten Misston und bei jedem weiteren Schlag verlor der Ton weiter an Klang und Farbe. Ein langer, feiner Riss wurde an der Glocke konstatiert: Ihre prachtvolle Stimme war erstorben. Sie hatte so manches Mal in Freude und Trauer die Herzen der Menschen gerührt.

Die Grosse Glocke galt wohl mit Recht als eine der besten weit und breit. Wenn ihre vollen, weichen Töne über das Dorf zitterten, kam feierliche Sonntagsstimmung in die Herzen und über das Land. Es war daher begreiflich, das die Bevölkerung den Verlust dieser herrlichen Grossen Glocke schwer bedauerte und ebenso begreiflich, dass man nach Mitteln suchte, die Glocke ohne Umguss unter Zuhilfenahme der modernen Technik wieder brauchbar zu machen. Man dachte daran, sie autogenisch zu schweissen. Fachleute rieten aber davon ab. Es blieb nichts anderes übrig als der Umguss. Dabei stellte sich die Frage, ob nicht auch die anderen Glocken mit dieser zu einem harmonischen Geläute umgegossen werden sollten.

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Ausführlich lesenDie Kirchhöri beschliesst ein neues GeläuteOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Am Mittwoch und Freitag vor der Kirchhöri 1923 fanden Orientierungs-Versammlungen im Vereinshaus, bzw. im Hotel Säntis statt. Kirchenpräsident Pfarrer Andreas Breitenmoser orientierte die Kirchgenossen darüber, dass der Umguss der gesprungenen grossen Glocke auf Fr. 20'000.-- zu stehen komme. Ein Gesamt-Umguss aller Glocken in ein harmonisches Geläut inkl. der notwendigen Erstellung eines eisernen Glockenstuhles würde etwa Fr. 90'000.-- kosten. Die Tatsache, und dass auch die Frauenglocke kaum mehr lange der Benutzung standhalten dürfte, sollte schliesslich die Kirchgenossen veranlassen, ein ganzes Werk zu vollführen.

Diese wichtige Frage wurde schliesslich der denkwürdigen ordentlichen Kirchhöri vom 18. März 1923 unterbreitet. Es wurde dann ausführlich sowohl über den Umguss der Grossen Glocke wie auch über die Anschaffung eines vollständig neuen Geläutes diskutiert.

Zuerst wurde mit allen gegen zwei Stimmen die Einführung einer Extrasteuer von 0,5 Promille gutgeheissen. Danach wurde mit einer Zweidrittels-Mehrheit beschlossen, es sei bei der Firma H. Rüetschi AG in Aarau ein neues harmonisches Geläute zu bestellen sowie die Erstellung eines neuen eisernen Glockenstuhles. Alle alten Glocken, mit Ausnahme der beiden noch brauchbaren Winkelglocke und Lehrglocke aus dem Jahre 1509, seien für den Neuguss zu verwenden.

Am 13. Mai 1923 läuteten die alten, 220 Zentner schweren Kirchenglocken mit der beschädigten Grossen Glocke das letzte Mal. Jede der sieben Glocken wurde je drei Minuten lang geläutet, um dann vereint nochmals als Ganzes zu erklingen.

Einige Glocken wurden schon am Freitag, den 16. Mai 1923, vom Turm geholt. Die Grosse Glocke, umgegossen im Jahre 1766, und die Frauenglocke, neugegossen anno 1637, wurden am Pfingstdienstag, den 20. Mai 1923, um 14.00 Uhr unter Mithilfe von Bauherr Adolf Schmid und den Gebrüder Rempfler sowie der Auftragsfirma Rüetschi Aarau auf der Westseite aus dem Turm genommen. Sie wurden sofort zum Bahnhof transportiert: Die Grosse Glocke wurde durch das Volk gezogen, die Frauenglocke mit einem Pferdegespann.

Der Mauritiusturm mit Vorbereitungen für den Glockenwechsel 1923.
Der Mauritiusturm mit Vorbereitungen für den Glockenwechsel 1923.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.
Blick auf den geöffneten Glockenturm während der Arbeiten.
Blick auf den geöffneten Glockenturm während der Arbeiten.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.

Am darauffolgenden Mittwoch fand die Verladung auf die Bahnwagen statt.

Die amtliche Wägung ergab, dass die Grosse Glocke 122,3 Zentner und die Frauenglocke 53,6 Zentner auf die Waage brachten.

Die Winkelglocke (Feuerglocke), gegossen 1509, welche den Dorfbrand zwar überstand, aber 1560 wieder umgegossen wurde, wog 14,5 Zentner. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das Glöcklein der ehemaligen St. Laurentius-Kapelle, die am 19. April 1911 abbrannte, abgeliefert.

Es hatte ein Gewicht von 1,2 Zentner.

Die zersprungene Grosse Glocke wird aus dem Turm genommen. Datierung der Quelle: 20. Mai 1923.
Die zersprungene Grosse Glocke wird aus dem Turm genommen. Datierung der Quelle: 20. Mai 1923.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.

Die Sterbeglocke aus dem Jahre 1593, die kleinste unter den damaligen Glocken, schenkte die Kirchenverwaltung 1936 der Lourdes-Kapelle anlässlich ihrer Aussenrenovation.

Die Kinder- und die Chlenkglocke blieben während dem Sommer 1933 aber vorerst auf einem draussen auf dem friedhofseitigen Vorplatz der Kirche aufgestelltem Provisorium am Notglockenstuhl. Redaktioneller Hinweis: Der Absatz nennt 1933; Zusammenhang und Bildunterschrift beziehen sich auf 1923.

Die Kinderglocke, umgegossen anno 1621, kam im Herbst 1923 in die neue St. Antoniuskapelle im Kollegium und hing dort bis 1957. Nach dem Abbruch dieser Kapelle schenkte sie Pfarrer Dr. Anton Wild 1958 als zweites Glöcklein ebenfalls der Lourdes-Kapelle.

Gerüst am Mauritiusturm: historische Aufnahme aus der Schrift.
Gerüst am Mauritiusturm: historische Aufnahme aus der Schrift.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.

Nachher, als die neuen Glocken wieder installiert waren, wurde die Chlenkglocke aus dem Jahre 1667 von der Filialgemeinde Schlatt um den Metallpreis übernommen worden. Sie hing immerhin 356 Jahre im Mauritiusturm. Redaktioneller Hinweis: Die angegebenen Jahre 1667–1923 ergeben 256 Jahre.

Die Vigilglocke aus dem Jahre 1793 wurde der kath. Kirche in Gais geschenkt mit der Auflage, dass sie mit ihrer Stimme die Mannen bei der Stosswallfahrt durch das Dorf begleite.

Provisorischer Glockenstuhl auf dem Kirchenvorplatz, Sommer 1923.
Provisorischer Glockenstuhl auf dem Kirchenvorplatz, Sommer 1923.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.

Die Lehrglocke aus dem Jahre 1509 hat sowohl den Dorfbrand wie auch den Umguss des neuen Geläutes überstanden. Sie hängt heute als achte Glocke - jetzt als Schutzengelglocke - wieder im Mauritiusturm.

Am 2. November 1923 wurden die ersten vier neuen Glocken (die Grosse und die drei kleinsten) in der Glockengiesserei Rüetschi in Aarau gegossen. Bürger, die diesem Akte beiwohnen wollten, konnten mit dem Achtuhr-Morgenzug von Appenzell nach Aarau fahren. Die drei anderen Glocken wurden am 16. November 1923 gegossen.

Inspektion der neuen Glocken in Aarau. Datierung der Quelle: 10. Dezember 1923.
Inspektion der neuen Glocken in Aarau. Datierung der Quelle: 10. Dezember 1923.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.
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Ausführlich lesenGlockenweiheOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Am Mittwochabend, den 12. Dezember 1923, es war gerade „Chlösler“, trafen die neuen Glocken mit der Bahn in Appenzell ein. Eine wahre Völkerwanderung zog am Abend zum Bahnhof und besichtigte mit Velo- und Taschenlaternen die neuen Glocken. Am Donnerstag und Freitag fand der Transport der Glocken zur Pfarrkirche statt, wo sie an einem provisorisch aufgerichteten Gerüst für die Weihe am kommenden Montag, den 17. Dezember, aufgehängt wurden.

Wie bei einem Menschenskind, das vom Bischof das Chrisamkreuz der Firmung auf die junge Stirn erhielt, so war das auch bei den Glocken. Der Bischof Dr. Robertus Bürkler kam von St. Gallen, um mit vollpriesterlicher Gewalt am 17. Dezember 1923 die Glocken zu weihen. Nur er, der oberste Priester und Hirt des Landes, durfte die Glocken weihen. Denn die Glockenweihe zählt zu den höchsten und heiligsten Weihen der Kirche.

Zuerst weihte der Bischof das Salz und Wasser als Vorbereitung auf die Glockenweihe. Er betete: „O Herr, die Kraft des hl. Geistes möge auf diese Glocken herab steigen, dass ihr gesegneter Klang die Kinder der Kirche einlade und rufe, dass er die Macht und den Einfluss des Versuchers und Erbfeindes breche, dass er die Blitzschläge, Wetternot und Sturmeswut abhalte“.

Die neuen Glocken vor der Kirche im Dezember 1923.
Die neuen Glocken vor der Kirche im Dezember 1923.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.

Mit dem geweihten Wasser begann der Bischof die Glocken zu waschen. Von nun an war jede derselben „eine heilige Sache Gottes“, welche nur mehr zu Gottes Lob und Werken der Nächstenliebe rufen durfte, nicht aber zu rein weltlichen Freuden und Anlässen. Es ist eine Folge der heiligen Waschung, dass die Glockenweihe oft auch Glockentaufe genannt wird und dass man Glockenpaten zulässt, um dadurch Stifter und Wohltäter zu ehren, denn sie dürfen zuerst vor allen anderen Mitbürgern die Glocke anschlagen.

Während dieser Waschung und Weihung sangen die Sänger wieder sechs Psalmen. Dann weihte der Bischof die Glocken ausserhalb mit Krankenöl und innerhalb mit Chrisam. Er füllte die Glocken mit duftendem Räucherwerk, damit sie von jetzt an das Beten und Opfern des Volkes verkünden und vor Gottes Thron tragen. Nach neun Psalmen und Gottes Allgewalt und Wundertaten sangen die Priester noch das Evangelium aus dem 10. Lukaskapitel, welches die Einkehr Jesu bei Maria und Martha erzählt.

Glockenweihe am 17. Dezember 1923.
Glockenweihe am 17. Dezember 1923.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.

Anstelle des erkrankten Dr. Pater Gallus Manser hielt der musikkundige Glockenexperte Pater Friedrich Schefold vom Kollegium St. Antonius die Festpredigt. Die Feier wurde durch die Musikgesellschaft Harmonie, den Gesangsverein Harmonie und den Cäcilienverein verschönert. Anwesend waren auch die Standeskommission, der Kirchenrat, die Paten und Patinnen sowie viele Geistliche von Appenzell I.Rh. und Umgebung. Die liturgischen Gesänge wurden von den Studenten des Kollegiums und der männlichen Abteilung des Cäcilienvereins gesungen. Der Männerchor sang das Lied „Glocken der Heimat“. Am Schluss erklang unter der Begleitung der Musikgesellschaft das Lied „Grosser Gott wir loben Dich“.

Nach der Glockenweihe begaben sich die geladenen Gäste zu einer schlichten Nachfeier ins Hotel Löwen. Dem einfachen Essen folgten die offiziellen Reden. Die Erbauerfirma Rüetschi war u.a. durch Oberst Amsler vertreten. Cäcilienchor, Harmoniemusik und Männerchor sorgten für eine abwechslungsreiche Unterhaltung.

Ein ganz besonderes Verdienst kommt bei der Anschaffung des neuen Geläutes Pfarrer Andreas Breitenmoser (1908-1933) zu. Er wusste die Kirchgenossen für das grosse Vorhaben zu gewinnen und hat durch persönliche Hauskollekten zur Finanzierung wacker mitgeholfen.

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Ausführlich lesenGlockenaufzugOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Die Glocken wurden am darauf folgenden Dienstag, den 18. Dezember 1923, an einem auserlesenen schönen Tag auf den Turm hinauf gezogen. Die Firma Rüetschi liess zu diesem Zwecke extra ein neues Seil in Rorschach anfertigen, welches acht Zentner wog und 400 m lang war.

Unter grosser Freude erfolgte der Glockenaufzug, begleitet vom Jubel, wenn jeweils das Kommando „Ziehen“ ertönte. Am Vormittag zogen die Mädchen und Knaben der unteren drei Klassen der Primarschule die St. Barbaraglocke und anschliessend die St. Karls- und St. Martinsglocke auf den Turm. Nachmittags mussten die vier grösseren Glocken der Kraft des Stranges Folge leisten. Diesmal waren die vier oberen Klassen und die Mädchen-Realschule am Werk. Um 16.00 Uhr durften die Siebentklässler die Dreifaltigkeitsglocke auf die Höhe der Schalllöcher hieven. Zuletzt kamen noch die innerrhodischen Studenten des Kollegiums St. Antonius an die Reihe, indem sie die Glockenjoche in den Turm zogen. Der Glockenaufzug nahm fünf Stunden in Anspruch und ging tadellos und ohne Unfall vonstatten. Nachher bekamen die über 1000 Schülerinnen und Schüler in den Wirtschaften Suppe, Wurst und Brot.

Die Namen aller Schulkinder, die mit vereinten Kräften das Geläute aufgezogen haben, sind auf einer Urkunde aufgeführt, welche in der vergoldeten Kugel unter dem Turmkreuz deponiert ist.

Am Mittwoch-Nachmittag wurde noch die alte Lehrglocke (neu als Schutzengelglocke) aus dem provisorischen Glockenstuhl auf dem Kirchenvorplatz geholt und von einer Schar Dorfbuben bei Schneesturm auf den Turm gezogen, wo sie schon einmal vier Jahrhunderte lang hing. Sie gehört aber nicht zur Harmonie des neuen Geläutes.

Die Grosse Glocke vor dem Aufzug am 18. Dezember 1923.
Die Grosse Glocke vor dem Aufzug am 18. Dezember 1923.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.

Einige Tage war man dann noch ohne Geläute. Es war eine grosse Arbeit, die acht Glocken in drei bis vier Tagen im neuen Glockenstuhl zu montieren, damit sie am hl. Abend zum ersten Mal Land und Leute segnend grüssen konnten.

Am Heiligabend 1923 um 15.00 Uhr öffneten die Arbeiter der Glockengiesserei die Fenster und Läden auf der Turmstube, die nur notdürftig angebracht waren. Einige Minuten später hob die Dreifaltigkeitsglocke zu läuten an. Die auf der Strasse wartenden Leute entblössten die Häupter, als sie die wiedererstandene Grosse Glocke zum ersten Mal hörten. Dann wurde es für einige Minuten still. Bald darauf liess sich die kleinste der Glocken, die St. Barbaraglocke, vernehmen und sukzessive fielen der Reihe nach alle anderen ein, bis der Chor komplett geworden und sich alle sieben Glocken zur prallvollen Harmonie vereinigten. Für die nächsten Wochen blieb der Mauritiusturm zu gewissen Zeiten auch dem Volke geöffnet, damit das neue Werk an seinem endgültigen Platz besichtigt werden konnte. Eine auf der Turmstube aufgestellte Wache sorgte für die Orientierung.

Der Eingang zum Glockenstuhl erfolgt von der unteren Empore her durch eine 2,30 m dicke Mauer in den Turm. Von da an sind es 100 Tritte bis zur einer der schönsten und geräumigsten Glockenstube weit und breit. Der eiserne Glockenstuhl wurde vollständig neu erstellt. Herr alt Bauherr Schläpfer und Schlossermeister F. Brander verrichteten diese grosse Arbeit zum Preis von Fr. 9'000.--. Die Gesamtkosten für die neuen Glocken beliefen sich auf Fr. 79'002.-- und die Ausrüstung Fr. 11'500.--. An freiwilligen Gaben wurden von Pfarrer Andreas Breitenmoser Fr. 55'638.-- gesammelt. Für die alten Glocken wurden Fr. 27'002.-- vergütet.

In der Mitte des Glockenstuhles befindet sich die grosse Dreifaltigkeitsglocke (Grosse Glocke), rechts neben ihr die St. Mauritius- und links die Marienglocke. Oben sind die kleineren, die St. Josefs- und St. Karlsglocke und auf der anderen Seite die St. Martins- und die St. Barbaraglocke und aussen rechts das alte Glöcklein aus dem Jahre 1509 - die Schutzengelglocke (früher Lehrglöcklein oder Endglöcklein).

Die Disposition der Glocken haben Dr. med. Strauss von Zürich und Pater Friedrich Schefold O. Cap. in Appenzell geschaffen. Die Expertise, welche von Pater Schefold und Musikdirektor Schenk abgenommen wurde, lautete:

„… Das neue Geläute von Appenzell ist in Beziehung auf Reinheit und Wohlklang auf reizvolle Abwechslung und doch einheitliche Klangwirkung ein Meisterwerk, wofür der Firma Rüetschi volle Anerkennung und der glücklichen Kirchgemeinde wärmste Gratulation gebührt“.

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04 / SIEBEN IM CHOR, EINE MIT EIGENER GESCHICHTE

Acht Glocken. Unverwechselbare Stimmen.

Die sieben Glocken von 1923 bilden das harmonische Geläute. Dazu kommt die Schutzengelglocke von 1509 – die älteste Stimme im Turm. Zusammen wiegen die acht Glocken nach der Schrift 16 443 Kilogramm.

Jede Glocke trägt ihre eigene Widmung. Inschriften, Heiligenbilder, Wappen und Stifternamen machen die Bronze zugleich zu einem Bilderbuch der Ortsgeschichte.

Historische Glockenaufnahme vom Titelblatt der Schrift.
Historische Glockenaufnahme vom Titelblatt der Schrift.Foto mit KI-Unterstützung nachbearbeitet.
  1. 01

    Dreifaltigkeit

    6 173 kg1923
  2. 02

    St. Mauritius

    3 428 kg1923
  3. 03

    Maria

    2 516 kg1923
  4. 04

    St. Josef

    1 757 kg1923
  5. 05

    St. Karl

    1 059 kg1923
  6. 06

    St. Martin

    743 kg1923
  7. 07

    St. Barbara

    437 kg1923
  8. 08

    Schutzengel

    330 kg1509

Gewichte und Gussjahre nach der Schrift von 2011. Die historischen Tonangaben stehen im ausführlichen Text; englische Notennamen werden dort sinngemäss erklärt.

Ausführlich lesenDie neuen GlockenOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Alle sieben neuen Glocken haben oben an der Haube lateinische Inschriften, welche Dr. Pater Anselm Manser von Vorderhaslen verfasst hat. Er war einer der gelehrtesten Mönche und Bibliothekar im Benediktinerkloster Beuron.

Die erste, die Dreifaltigkeitsglocke (Grosse Glocke)

Durchmesser 2,12 m; Gewicht 6'173 kg (123,5 Zentner); Klöppelgewicht 280 kg); Ton G-035. Ausgezeichneter Klang von königlicher Majestät. Kosten Fr. 20'000.--. Im Volksmund auch „Manneri“ genannt.

Oben an der Haube ist ein Kranz von singenden Engelsköpfen angebracht und unter diesen befindet sich folgende Inschrift (übersetzt aus der lateinischen Sprache): „Dem dreieinigen Herrn, sei ewige Ehre, der uns das Leben ohne Ende verleihen wolle, im Heimatland Amen“ (Anmerkung: Alle diese Übersetzungen können je nach Verfasser etwas voneinander abweichen!). Vier weitere Bilder zieren die Glocke: Das erste Gott Vater mit der Weltkugel; das zweite Christus am Kreuze mit Maria und Johannes; das dritte der Heilige Geist mit vier Aposteln und das vierte ein Wappen mit Appenzeller Bär in einer schönen Barockumrandung, die ihre hohe Stellung als Landsgemeindeglocke bekundet. Auf einer Seite befindet sich auch das Wappen der Firma Rüetschi mit Jahreszahl 1923.

Weitere Inschriften und Wappen weisen auf die Paten hin: Direktor Mathias Broger und seine Tochter Maria Fanny Broger. Vorne auf der Glocke in der Mitte sind ebenfalls mit Wappen die Kirchenräte aufgeführt: Pfarrer und Kirchenrats-Präsident Andreas Breitenmoser, Landammann und Kirchenpfleger Dr. Carl Rusch, Landammann Adolf Steuble, Landesbauherr Johann Baptist Broger, alt Landeshauptmann Johann Baptist Enzler, alt Armleutsäckelmeister Johann Baptist Haas und Landschreiber Franz Xaver Peterer.

Die zweite, die Mauritiusglocke

Gewicht 3'428 kg (68,6 Zentner); Ton B-02. Prachtvoller Ton, sehr voll klingt die Unteroktave.

Oben am Kranze sind Bären in verschiedenen Stellungen zwischen Tannenreis angebracht. Die lateinische Inschrift lautet (übersetzt): „Ruhmreicher Mauritius, beschütze dieses dein ganzes Volk und reihe uns den himmlischen Heerscharen ein“. Das erste Bild stellt den hl. Mauritius mit der Fahne dar, das zweite zeigt unsere Pfarrkirche von Osten her, das dritte Bild die im ersten Weltkrieg ausziehenden Wehrmänner mit einem strammen Offizier und über ihnen in den Wolken den hl. Mauritius, welcher diese Soldaten unter seinem Schutze im Frieden heimziehen lässt.

Paten: Genossenschafts-Buchdruckerei Appenzell; Verwaltungsratspräsident Dr. Carl Rusch Lehrer Johann Anton Mösler, Dr. Albert Rechsteiner, Kaplan Johann Baptist Ebneter, Oskar Broger und Geschäftsführer Jakob Geiger. Das Patengeschenk der Genossenschafts-Buchdruckerei betrug Fr. 5'000.--. Auch das Buchdruckerwappen ist auf dieser Glocke zu sehen.

Die dritte, die Marienglocke

Gewicht 2'516 kg (50,3 Zentner); Ton C-015. Milder und weicher Ton.

Als Verzierung oben an der Haube sind Rosen zu einem Kranze gewunden. Die lateinische Inschrift lautet (übersetzt): „Sei gegrüsst, du Meeresstern, hehre Mutter unseres Herrn, Jungfrau du auf immerdar glückliche Pforte des Himmels“. In den Bildern sieht man Marias Verkündigung, Maria als Tempeljungfrau, Maria Himmelfahrt und die Schmerzensmutter (Pieta).

Paten: Landschreiber Franz Xaver Peterer und Witwe Maria Josefa Fritsche geb. Koch.

Die vierte, die St. Josefsglocke

Gewicht 1'757 kg (35,1 Zentner); Ton D-055.

Oben an der Haube sind Lilien zu sehen, schön zu einem Kranz gewunden. Die lateinische Inschrift lautet (übersetzt): „Gib o heiliger Joseph, dass wir ein schuldlos Leben führen und es immer sicher sei unter deinem väterlichen Schutz“. Das erste Bild zeigt den Tod des hl. Josefs; das zweite Bild die Vermählung mit der Jungfrau Maria und das dritte Bild den hl. Josef und Maria mit dem Jesuskind im Tempel.

Paten: Jüngling Johann Anton Brander und Jungfrau Marie Elisa Brander.

Die fünfte, die St. Karlsglocke (Wetterglocke)

Gewicht 1'059 kg (21,2 Zentner); Ton F-08.

Oben am Kranze sind Alpenrosen mit Edelweissen und Enzianen als Sinnbild der Glaubenstreue im Appenzellerland zu einem Kranze gewunden. Die lateinische Inschrift lautet (übersetzt): „Ich halte das Gedenken an den hl. Karl in Ehren, der zum Heile unserer Seelen hier für eine fruchtbare Pflanzstätte Sorge trägt“. Im ersten Bild zeigt der hl. Karl Borromäus den ankommenden braunen Kapuzinern den Weg in unser Land (1585). Im Hintergrund sieht man die Fähnern, den Kamor und den Hohen Kasten. Im zweiten Bild ist der Heilige als Bischof und Kardinal dargestellt und im dritten Bild erscheint er in Gloriole in den Wolken segnend über dem Kapuzinerkloster und dem Kollegium St. Antonius.

Gestiftet wurde diese Glocke von der Familie Landammann Dr. Carl Rusch-Diethelm.

Die sechste, die St. Martinsglocke

Gewicht 743 kg (14,9 Zentner); Ton G.

Die lateinische Inschrift lautet (übersetzt): „Heiliger Mauritius, erhalte das, was uns Gott zum Troste gegeben hat und zu unserem Lebensunterhalt“.

Nach Pater Friedrich ist das die Glocke für den ehrenwerten Bauernsamen. Auf dem ersten Bild ist der hl. Martin hoch zu Ross dargestellt, wie er den Mantel mit den Armen teilt. Ein zweites Bild zeigt ein Appenzellerhaus am Hirschberg, nämlich das Geburtshaus des unvergesslichen Pfarrers Andreas Breitenmoser. Man sieht einen Bauern mit seiner Frau und einem Knaben, umgeben von Kühen und Geisslein auf einer Wiese. Diese Personen sollen die Eltern und ihren Sohn, den Pfarrer, darstellen.

Paten: Alt Armleutsäckelmeister Johann Baptist Haas und seine Gattin Anna Magdalena geb. Fässler.

Die siebente, die St. Barbaraglocke (Armenseelenglocke)

Gewicht 437 kg (8,7 Zentner); Ton B.

Ohne Verzierung. Die lateinische Inschrift lautet (übersetzt): „Jungfrau und Martyrerin Barbara führe uns in das ewige Licht!“. Auf dem einen Bild ist die hl. Barbara mit Kelch und Hostie; auf dem anderen Bild die Heilige mit dem Schutzengel über dem Fegefeuer bei den armen Seelen dargestellt.

Paten: Landammann Adolf Steuble, seine Gattin Maria Benedicta Steuble, geb. Fässler und sein Sohn Kantonsrichter Adolf Steuble.

Die achte, die Schutzengelglocke (Endglocke, früher Lehrglocke)

Durchmesser 85 cm; Gewicht 330 kg (6,6 Zentner); Ton C-des.

Diese Glocke ist kein Neuguss, sondern das erhalten gebliebene Lehrglöcklein aus dem Jahre 1509. Die lateinische Inschrift lautet (übersetzt): „Last die Kinder zue mir komen, dan ihren ist das rich der himlen“.

Diese Glocke hat keine Bilder, auch keinen Giessernamen und keinen Ort, woher sie kommen könnte.

Alle acht Glocken wiegen zusammen 16'443 kg (328,8 Zentner). Das Geläut von St. Mauritius ist das bisher schwerste Geläute, welches die Glockengiesserei Rüetschi in Aarau seit Bestehen des Geschäftes im Jahre 1825 gegossen hat.

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05 / EINE NEUE ART ZU LÄUTEN

Die Kraft wechselte. Der Klang blieb.

Jahrhundertelang bewegten Hände und Seile die Glocken. Allein die Grosse Glocke brauchte fünf Männer. 1960 beschloss die Kirchhöri die Elektrifizierung von Geläute und Turmuhr.

Motoren erleichterten die Arbeit, doch der gleichmässige Anschlag blieb eine Frage sorgfältiger Einstellung. Beim Probeläuten am 28. Juni 1960 wurden die Klöppel bis in den späten Abend millimetergenau ausgerichtet.

Ausführlich lesenElektrifizierungOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Nachdem Jahrhunderte lang die Glocken von Hand geläutet wurden, beschloss die Kirchhöri Appenzell am 3. April 1960 die Elektrifizierung des Glockengeläutes und der Turmuhr für Fr. 25'000.-- gemäss Kostenvoranschlag.

Die Arbeiten im Glockenturm begannen am 20. Juni. Die Firma Johann Muff von Triengen LU montierte die Motoren und das Elektrizitätswerk Appenzell installierte die Steuerleitungen zu den Motoren und Schaltern. Gleichzeitig wurden die alten Klöppel abmontiert, da sie angeblich durch das Entstehen von zu starken Anschlägen für die Glocken schädlich waren.

Bereits am Dienstag-Vormittag, den 28. Juni 1960, wurden die Glocken erstmals probeweise einzeln mit jeweils kurzen Unterbrechungen elektrisch geläutet. Um 17.00 Uhr fand dann das eigentliche Probeläuten statt. Dazu hatten sich die Geistlichen und Kirchenräte auf der Glockenstube versammelt.

Zuerst erklang die alte Schutzengelglocke. Nachher folgten die St. Barbaraglocke, die St. Martinsglocke, die St. Karlsglocke und die St. Josefsglocke. Ihnen folgten die drei grossen Glocken: die Marienglocke, die St. Mauritiusglocke und die Dreifaltigkeitsglocke. Dann wurden alle sieben der Reihe nach geläutet.

Nachher wurde in der Sakristei noch die Schalteranlage besichtigt und erklärt. Noch bis zum späten Abend arbeiteten die Monteure an der Ausgleichung der Klöppel, welche auf den Millimeter genau in die Mitte der Glocke reguliert werden mussten, um damit einen gleichmässigen Anschlag zu bewirken. Bald wurde am Klöppel, bald wieder an der Glocke ausgebessert, bis der Anschlag genau und sauber hergestellt war.

Heute werden die Glocken von der Sakristei aus gesteuert ausser beim Sylvesterläuten. Nur bei Beerdigungen mussten dann die Glocken vom Turm aus bedient werden, weil nur von dort aus der Leichenzug sichtbar war.

Vor einigen Jahren wurde das Läuten modernisiert und die Glocken können jetzt auch mit einer Fernbedienung, z.B. vom Friedhof aus, gesteuert werden.

Die St. Karlsglocke als Wetterglocke kann auch heute noch bei Stromausfall auch von Hand geläutet werden.

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06 / GLAUBE, GEMEINSCHAFT UND ERINNERUNG

Ein Klang für die Stunden des Lebens.

Festtage, Gottesdienste, Abschiede und die Landsgemeinde: Nicht immer rief dieselbe Glocke. Die überlieferten Regeln zeigen, wie eng das Geläute mit dem Dorfleben verwoben war.

Auch das Erinnern hat seinen Klang. Die Schrift beschreibt das gemeinsame Läuten am 18. März zur Erinnerung an den Dorfbrand von 1560. Und sie kennt Zeiten der Stille: vom Gloria am Hohen Donnerstag bis zur Osternacht.

Historischer Quellenstand: Mai 2011. Die nachfolgende Läuteordnung ist keine Auskunft über heutige Gottesdienst- oder Läutezeiten.

Ausführlich lesenEinstige GlockenordnungOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Auf Anregung des Kapuziners P. Dominik Lerch ordnete die Regierung von Appenzell im Jahre 1611 an, dass jeweils am Samstagabend alle Glocken geläutet werden. Jedermann, der das Geläute hört, soll niederknien und mindestens drei Vater unser und Ave Maria für seine verstorbenen Eltern, Verwandten und für alle armen Seelen beten.

Etwas später kam die Verfügung dazu, dass am Freitag nach der Messe und am Mittag die Grosse Glocke geläutet werde.

Um die Glocken im schrecklichen Pestjahr 1629 etwas mehr zu schonen, wurde vom Rat verordnet, dass bei den Leichenbegräbnissen die Grosse Glocke nicht für Jünglinge unter 18 Jahren und die Frauenglocke nicht für Mädchen unter 16 Jahren gebraucht werden durfte. Keiner Person dürfe mehr als drei Zeichen geläutet werden und der Mesmer solle mit dem Läuten erst beginnen, wenn man mit der Leiche in die Feuerschau komme.

In einem Pflichtenheft von 1755 wurde auch verordnet, dass der Mesmer selber oder seine Angestellten zu läuten hatten.

Am 18. Mai 1691 wurde Mesmer Rudolf Hörler beim Wetterläuten vom Blitz erschlagen.

Für Hingerichtete durfte nicht mit der üblichen Grossen Glocke oder Frauenglocke geläutet werden, sondern nur mit der Winkelglocke. 1598 wurde erkannt, dass in Zukunft der Mesmer am Mittag des Landsgemeindetages zu läuten habe, sobald sich das Volk auf dem Gemeindeplatz aufgestellt hat.

1884 hat der Kirchenrat den Entscheid der ordentlichen Kirchhöre vorbehalten, dass in der Sylvesternacht mit sämtlichen Glocken zu läuten sei. Die Kirchhöre beschloss dann, mit allen Glocken eine Viertelstunde vor 24.00 Uhr und eine Viertelstunde nachher zu läuten.

1891 hat der Bundesrat beschlossen, es sei am 1. August in sämtlichen Kantonen abends in allen Kirchen mit allen Glocken zu läuten.

Am Feste Kreuzauffindung (3. Mai) und Kreuzerhöhung (14. September) wurde in Appenzell mit der Grossen Glocke geläutet, an den übrigen Tagen mit der St. Karlsglocke morgens beim Wettersegen und nachmittags um 14.00 Uhr.

Am Bonifatiustag wurde früher nach uralter Sitte morgens um halb vier Uhr mit der Dreifaltigkeitsglocke (Grosse Glocke) eine Viertelstunde Angst geläutet, im Anschluss daran der englische Gruss mit der gleichen Glocke. Wenn um 05.00 Uhr die Prozession von der Pfarrkirche wegging, wurde wieder mit der Dreifaltigkeitsglocke geläutet, wenn sie zurückkehrte vom Stoss mittags um 12.00 Uhr mit allen Glocken.

Beim Gräberbesuch an Allerheiligen und Allerseelen soll wenigstens 10 Minuten mit allen Glocken geläutet werden. Auch zur Schul- und Kirchgemeinde soll eine Glocke geläutet werden.

Am 18. März soll zum Andenken an den Dorfbrand vom Jahre 1560 von mittags 13.00 Uhr an eine halbe Stunden lang mit allen Glocken geläutet werden.

Ein treuer Turmwart war Jakob Dörig-Koller. Seine Spezialität war das «Hallerheben», das Aufhalten des schwingenden Glockenschwengels. Die Dreifaltigkeitsglocke musste vor der Elektrifizierung mit fünf Mann geläutet werden. Dörig war beim Abmontieren des alten und bei der Installation des neuen Geläutes dabei.

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Ausführlich lesenGlockenläuten heute · Stand 2011Originalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

Die Läuteregeln sind stets dem Wandel der Zeit unterworfen. Die aktuellen Regeln umfassen mehrere Seiten. Als Auszug davon ist hier die gegenwärtige Läuteordnung der Pfarrkirche St. Mauritius aufgeführt für die Sonn- und Feiertage und für die Werktage. Nicht enthalten ist hier die Läuteordnung für besondere Anlässe wie Firmung, Tauffeiern, Primiz, Bussfeiern und Trauungen sowie die Läuteordnung für die 24 besonderen Feiertage im Kirchenjahr. Im Advent und während der Fastenzeit gilt ebenfalls eine andere Läuteordnung. Dies ist eine historische Läuteordnung, kein aktueller Gottesdienstplan.

Die Dreifaltigkeitsglocke (Grosse Glocke oder auch „Manneri“ genannt) wird bei der Beerdigung von Männern geläutet nach folgender Regelung: Eine Viertelstunde vor der Beerdigung (drei Minuten lang), beim Weggang des Priesters von der Pfarrkirche und nach der Einsegnung des Sarges vor der Friedhofkapelle.

Sie läutet auch bei der Wandlung und zum Ausläuten an Sonntagen, am Vorabend von Feiertagen um 19.00 Uhr und an Heiligtagen um 06.45 Uhr.

Am Tage der Stosswallfahrt wird nach uralter Sitte morgens um fünf Uhr ebenfalls mit der Dreifaltigkeitsglocke eine Viertelstunde Angst geläutet und wenn die Prozession ihren Anfang nimmt.

Die St. Mauritiusglocke (zweitgrösste Glocke) wird bei der Beerdigung von Frauen geläutet nach den gleichen Regeln wie bei der Dreifaltigkeitsglocke.

Sie läutet auch an Sonntagen um 06.45 Uhr.

Die Marienglocke (drittgrösste Glocke) gibt Jugendlichen vom 14. – 18. Altersjahr das Grabgeleit.

Die St. Josefsglocke (viertgrösste Glocke) läutet bei Beerdigungen von Schülern.

Mit St. Karlsglocke (fünfgrösste Glocke) wird in der Zeit vom 25. April bis 14. September zum Wettersegen geläutet jeweils am Ende des Morgengottesdienstes.

Die St. Martinsglocke (sechstgrösste Glocke) läutet zum „Klenken“ (nur einseitig angeschlagen) an Sonn- und Heiligtagen um 09.15 und 19.15 Uhr. An Werktagen ertönt sie zum Einläuten der Gottesdienste und zur Wandlung in der Pfarrmesse um 07.30 Uhr.

Die St. Barbaraglocke (siebtgrösste Glocke) ist nur beim Einläuten der gewöhnlichen Werktagsgottesdienste zu hören.

Die Schutzengelglocke (kleinste Glocke, auch Endglöcklein genannt) wird geläutet, wenn ein Kleinkind zu Grabe getragen wird.

Auch erklingt ihre Stimme während drei Minuten immer am Ende der Pfarrmesse oder nach dem Hauptgottesdienst am Sonntag dann, wenn ein Todesfall zu verkünden ist.

Alle sieben Glocken (ohne das Schutzengelglöcklein) bilden die Harmonien im chorischen Geläute. Am festlichsten klingt der Jubel aller sieben Glocken am Samstagabend, vor dem Hauptgottesdienst an Sonntagen, an hohen Festtagen und vor der Landsgemeinde.

Ebenfalls wird mit allen sieben Glocken zum Gedenken an den Dorfbrand von 1560 jeweils am 18. März von 13.00 bis 13.30 Uhr geläutet als Aufruf zum Rosenkranzgebet.

Volles Geläut erklingt auch bei der Wahl oder dem Tod eines Papstes oder bei Grossereignissen bei globaler Bedeutung (z.B. 11. September 2001, Attentat von Zug, Tsunami, etc.).

Im Advent und in der Fastenzeit gilt eine andere Läuteordnung. Am Vorabend und vor dem Hauptgottesdienst werden nur die vier St. Mauritius-, St. Josefs-, St. Karls- und St. Barbaraglocken geläutet. Diese vier bilden ebenfalls eine saubere Harmonie.

An Allerseelen erklingt ein wesentlich voluminöser Vierklang für das Totengeläute mit den Dreifaltigkeits-, Mauritius-, St. Josefs- und St. Martinsglocken.

Für alltägliches Geläut wie etwa das Elfuhr-Läuten oder vor Bussfeiern oder Roratemessen werden die kleineren vier Glocken (St. Josefs-, St. Karls-, St. Martins- und St. Barbaraglocke) eingesetzt. Ebenso bei Beerdigungen vom Weggang am Grab bis zur Kirche.

Die Glocken schweigen jedoch am Hohen Donnerstag nach dem Gloria bis zum Auferstehungs-Gottesdienst am Karsamstag.

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Ausführlich lesenQuellennachweisOriginalschrift · Mai 2011

Aus der 2., vollständig überarbeiteten Auflage, Mai 2011. «Heute» und Läutezeiten beziehen sich auf diesen Quellenstand. Alte Masse und Tonangaben bleiben als Quellenangaben erkennbar; Widersprüche werden nicht stillschweigend berichtigt. Private Kontaktangaben und einzelne jüngere persönliche Details sind ausgelassen.

- Anzeiger vom Alpstein; Archiv

- Appenzeller Kalender - Appenzeller Volksfreund; Archiv - Fischer Rainald, Pater; Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Band AI, 1984

- Genossenschafts-Buchdruckerei Appenzell; Die neuen Glocken von Appenzell, 1923 - Landesarchiv Appenzell; Diverse Unterlagen

- Niederöst Urban, Mesmer-Stv

- Rechsteiner Moritz; Vorträge und schriftliche Unterlagen

- Stark Franz, Dr.: 900 Jahre Kirche und Pfarrei Appenzell, 1971 - Steuble Ekkehard, Dr.; Innerrhoder Geschichtsfreund, Heft Nr. 8, 1961

- Weitere Unterlagen und Fotos von Privatpersonen

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Über die Schrift · Redaktion und Bilder

Grundlage sind die 32 Druckseiten von «Die Glocken von St. Mauritius in Appenzell», 2., vollständig überarbeitete Auflage, Mai 2011. Die für den Druck paarweise angeordneten Seiten wurden in Lesereihenfolge gebracht. Alle Kapitel und elf Abbildungen sind einbezogen; private Kontaktangaben sowie einzelne jüngere persönliche Details wurden ausgelassen.

Die Quelle enthält Unstimmigkeiten, etwa bei Wochentagen im Mai 1923, einer Jahreszahl 1933 im Zusammenhang von 1923 und der Angabe «356 Jahre» für 1667–1923. Diese Angaben bleiben als historische Quellenangaben kenntlich. Alte Gewichtsmasse werden nicht pauschal in heutige Masse umgerechnet.

Die historischen Fotografien wurden mit KI-Unterstützung in Klarheit und Tonwerten verbessert. Dabei können feine Bilddetails rekonstruiert worden sein. Die unveränderten Vorlagen bleiben im privaten Archiv erhalten. Der Kupferstich im Titelbereich ist eine neue, illustrative Darstellung; das Devisli wurde für diese Sammlung bereitgestellt.

Impressum und Datenschutz

Historische Sammlung: Yvo Buschauer · Herausgeber: Michael Buschauer · Kontakt: info@buschauer.org

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Ein Dorf hört seine Geschichte.

Und trägt sie von Generation zu Generation weiter.

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