Ein Dorf braucht
feste Dächer.
Die frühesten Spuren führen weit zurück. Ein Feldbrandofen könnte bereits um 1450 bestanden haben. Sicher belegt ist die «Ziegelhütte auf dem Ried» im Jahr 1559. Ein Jahr später veränderte ein verheerender Brand das Dorf Appenzell.
Am 18. März 1560 fielen mehr als 300 Giebel dem Feuer zum Opfer. Für den Wiederaufbau wurden Baustoffe gebraucht. Gebrannte Ziegel waren dabei mehr als ein Erzeugnis des Handwerks: Sie standen auch für beständigere Dächer und einen neuen Anfang.
Die Sammlung berichtet von drei Baumeistern, denen für ihre Arbeit beim Wiederaufbau die Nutzung der Ziegelhütte zugestanden wurde. Im 16. Jahrhundert wurde am Ofen weitergebaut. 1606 warf ein Sturm das Ofenhaus um; der Rat ordnete den Wiederaufbau an. 1755 erreichte das Gebäude seine historische Grösse.
Wie ein früher Feldbrandofen funktionierte
Aus Lehm geformte Rohlinge wurden über Feuerkanälen aufgeschichtet. Das Brenngut bildete einen wesentlichen Teil des Ofens selbst. Holz und Feuer verwandelten den zuvor getrockneten Lehm in festes Baumaterial. Spätere Ofenbauten machten die Arbeit dauerhafter und besser wiederholbar.

Ausführlich lesenEinleitung · Gebäude und GrundstückeAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Die Ziegelhütte ist in einem Rodel von Appenzell wie folgt eingetragen: „Haus Kataster Nr. 359/295 im Ried; Charakter des Objektes: Ziegeleigebäude; Standort im oberen Ried, bei den Scheibenstöcken; Bezirk: Appenzell, ehemalige Rhode Lehn; Fläche 2799 m2; Korporation Stiftung Ried, Brachennummer 175/179; Charakter des Objekts: Wohnhaus und Ziegeleigebäude; Gebäudezahl: 2. Weil nicht in der Feuerschau stehend, haben das Wohnhaus und das Ziegeleigebäude keine Feuerschau-Nummern."

Bis 1978 gehörte auch das südöstlich der Ziegelhütte gelegene Wohnhaus zur Ziegelei, in welchem der vorletzte Betreiber der Ziegelei, Heinrich Buschauer, aufgewachsen war und bis 1911 wohnte. Das Haus hat eine Parzellenfläche von 740 m2 und stand früher ebenfalls ausserhalb der Feuerschau. Darin waren bis 1970 nebst zwei Wohnungen auch die Stallungen für die Pferde untergebracht.
Im Jahre 1911 bezog die Familie Heinrich Buschauer ein neues Zweifamilienhaus an der heutigen Ziegeleistrasse 11 auf der Riedbrache Nr. 108. Es wurde erbaut durch Ulrich Walt aus Herisau und steht heute als ortsbildrelevante Baute unter Schutz. Vorher stand dort ein kleines Einfamilienhaus, welches ein Jahr zuvor 500 m westwärts an das Sonnenfeldgässlein verschoben wurde. Das Wohnhaus an der heutigen Ziegeleistrasse 11 ging 1922 an Sohn Karl Buschauer über.
Westlich der Ziegelhütte befindet sich ein weiteres Wohnhaus (Reebuebes), das früher ebenfalls zur Ziegelei gehörte. Das Gebäude hat eine Fläche von 859 m2 und steht auf der Ried-Brache Nr. 174/178. Das Haus ist um 1800 erstmals urkundlich erwähnt worden und wechselte zwölf Mal den Besitzer. 1896 kaufte es Heinrich Buschauer. Nachdem die Riedverwaltung das Baugesuch bewilligt hatte, konnte 1909 das Wohnhaus um 7,7 m nach Norden zum Unterbringen von Wagenmaterial verlängert werden. Im Jahre 1973 wurde das Wohnhaus verkauft. Es ist inzwischen vollständig erneuert worden.
Zum Anfang dieses Quellentextes ↑Ausführlich lesenAus den Anfängen der ZiegelherstellungAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Ziegelprodukte sind uralt und schon 5'000 Jahre vor Christus benutzt worden. Der erste grössere Ziegelbau dürfte der babylonische Turm gewesen sein 3'000 Jahre vor Christus.
Nebst mit Ziegeln baute man früher auch mit Kalksteinen Häuser. Das war ein Nebenprodukt der damaligen Ziegeleien. Für die Zubereitung von Mörtel benötigte man Kalk, der durch einen Brennvorgang aus Kalkstein gewonnen wurde. Im Winter wurde das Holz vorbereitet, in 2 m Länge zersägt, gespalten und zum Trocknen aufgeschichtet. Im Frühjahr besorgte man die Steine und im Sommer wurde gebrannt. Meist hatte man Mühe, das Feuer zu erhalten, bis der von der Obrigkeit kontrollierte Ofen aufgewärmt war. Die Rundhölzer in den Zuglöchern verkohlten langsam und nach etwa fünf Tagen erschien allmählich die Glut an der Oberfläche. Nach weiteren sechs Tagen war dann der Brand fertig. Der gebrannte Kalk musste vor Gebrauch gelöscht werden, indem er mit Wasser in einer Löschpfanne übergossen wurde. Die dünnflüssige Kalkmilch liess man nachher aus der Pfanne in die Grube fliessen.
Für die Herstellung von Ziegeln brauchte es Lehm, Torf, Brennholz und Wasser. Im Herbst begann man Lehm zu stechen, säuberte ihn grob, schichtete ihn auf und setzte ihn über den Winter der Witterung aus. Im Frühjahr wurde der Lehm dann unter einem Hüttendach gelagert.
Der für die nachfolgende Saison benötigte Lehm wurde in kleinen Ziegelhütten eingesumpft und von Tonklumpen und Steinen befreit. Nachher wurde er entweder auf einem Tisch oder in einer Lehm-Tretgrube von Hilfskräften, früher oft auch Kindern, mit blossen Füssen gestampft. Auf dem Zieglertisch knetete man ohne Hilfsmittel einen Rohling aus plastischem Ton mit beiden Händen zu Klumpen für Dachziegel, Backsteine oder später Drainageröhren. Im Freien wurden diese getrocknet. Später wurde die Formgebung verbessert, indem man einen Holzrahmen benutzte. Dieser Holzrahmen wurde auf den mit Sand bestreuten Boden gelegt und mit plastischem Ton manuell gefüllt. Um das Ankleben zu verhindern, wurde der Rahmen laufend mit Wasser durchnässt. Oft wurden die halbtrockenen Ziegelrohlinge zusätzlich mit primitiven Kratzgeräten verziert.
Für Dachziegel sandete der Ziegler eine Biberschwanz-Streichform ein und legte sie auf ein Brett. Er schlug einen Lehmklumpen in die Form und strich diese sorgfältig mit einfachen Streichwerkzeugen aus. Den überschüssigen Lehm zog er mit einem Holz ab, wobei ein Rest für die Formung der Nase benötigt wurde.

Ein Haus geht
durch viele Hände.

1857 wurde die staatliche Ziegelhütte an einen privaten Eigentümer verkauft. Der Boden blieb bei der Riedstiftung. Es folgten wechselhafte Jahre: Nach der Sammlung wechselte der Betrieb innerhalb von 18 Jahren zehnmal den Besitzer.
1875 übernahm Valentin Gschwend die Ziegelei. Eine Anzeige von 1879 verspricht frisch gebrannten Kalk, gute Ziegelsteine und Dachplatten. Der Kaufbrief und die kleine Zeitungsanzeige lassen erahnen, wie eng Handwerk, Handel und das Bauen im Dorf miteinander verbunden waren.
1881 begann mit Heinrich Buschauer eine neue Phase. Maschinen hielten Einzug, die Antriebe wurden erneuert und die Produktion weiterentwickelt. Ein Wasseranschluss ermöglichte 1897 den Betrieb eines Wasserrads. Ab 1906 kamen selbst gebaute, elektrisch angetriebene Maschinen hinzu.



Ausführlich lesenDie Entwicklung der Ziegelei AppenzellAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Die Vorlage enthält widersprüchliche Jahreszahlen, etwa «1873 nochmals bis 1857» und die Handwechsel von 1872. Sie bleiben hier als Quellenangaben sichtbar. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Auf dem heutigen Ried gab es schon vor 500 Jahren mehrere kleine Kalkund Ziegelbrennereien. Darunter versteht man aber nur ein Brennofen, wo Ziegel gebrannt wurden für den Eigengebrauch oder für Nachbarn. Heute noch deuten Namen darauf hin wie eben „Ziegelhütte“ oder „Zieglers“ (Ulmann). Eine dieser Kleinziegeleien befand sich auch an der Verbindungsstrasse zwischen der Riedund Bahnhofstrasse, unterhalb dem ehemaligen Schützenhaus (östlich vom Wohnhaus des Hafnermeisters Franz Hautle) in einem kleinen Wohnhaus, in welchem Franz Anton Manser bis 1850 Ziegel herstellte. Die Feuerschau-Kommission musste sich damals mehrmals mit dieser Angelegenheit befassen, da die Brennerei immer weiter ausgebaut wurde. 1871 wandelte der Besitzer diese Kleinziegelei in eine Zündholzfabrik um. 1990 ersetzte man dieses kleine eingeschossige Häuschen, das an der Fassade den Namen „Ziegelei“ trug, durch einen zeitgemässen Neubau.
Der grösste dieser kleinen „Ziegelöfen“ stand dort, wo sich heute die Ziegelhütte Appenzell befindet. Er dürfte um etwa 1450 entstanden sein als Feldofen. Dieser bestand aus einem Meiler, das heisst einer Beige Ziegelrohlinge, ungefähr einen Kubikmeter. Die Aussenflächen wurden mit Lehm gut abgedichtet und unter dem Meiler wurden Schürnasen angelegt, in denen der Brennstoff brannte. Im weiteren Aufbau des Meilers wurde der zur Verfügung stehende Brennstoff zwischen den einzelnen Schichten der Formlinge mit eingestreut. Nach der Anzündung des Meilers brannte das Feuer von unten nach oben.
Um das Jahr 1500 wurden einige dieser Ziegelofen vermutlich mit einem kleinen Gebäude ergänzt und zu einem grösseren Ziegelund Kalkofen ausgebaut. Danach gingen die übrigen Ziegelofen allmählich ein. 1559 wird erstmals die „Ziegelhütte auf dem Ried“ urkundlich an der heutigen Stelle erwähnt.

Die heutige Ziegelhütte mit dem Kalkbrennofen gehörte früher dem Staat und zählte somit bis zum 22. April 1857 zu den obrigkeitlichen Gebäuden von Appenzell. Damals war das Lehmgraben und Kalkstein-Sammeln ein Monopol der Obrigkeit und durfte nur von der Öffentlichkeit betrieben werden.

Am 18. März 1560, am Tage vor St. Josef, legte ein fürchterlicher Grossbrand das ganze Dorf Appenzell mit über 300 Giebeln in Schutt und Asche. Wegen einem Kaminbrand in einer Bäckerei an der alten Weissbadstrasse entstand eine Feuersglut, die der Föhn auf alle Schindeldächer übertrug und diese in Brand setzte. Jetzt lernte man den besonderen Wert einer harten Bedachung, also gebrannte Tonziegel, schätzen. Die drei damaligen Baumeister von Appenzell, alt Landammann Joachim Meggelin, Hans Knill und Landschreiber Moritz Hefs, hatten sich nach diesem verheerenden Dorfbrand verpflichtet, die Leitung der Aufbauarbeiten beim Wiederaufbau Appenzell’s ohne Entschädigung zu übernehmen. Dafür stand ihnen die Ziegelhütte unentgeltlich zur Verfügung. Weil sie seit der Feuersbrunst des Dorfes ohne Besoldung als Baumeister dem Land gedient hatten, schenkte der Rat jedem von ihnen am 1. Januar 1563 vierzig Gulden. Zudem überliess er ihnen auf sechs Jahre unentgeltlich die Benützung der Ziegelhütte und das Recht, Ton zu graben und Kalksteine zu sammeln, was sonst ja als Staatsregal behandelt wurde. Auch wurde ihnen aller Vorrat an Ziegel, Holz und Kalk unter der Bedingung überlassen, dass sie noch weitere sechs Jahre lang die Baumeisterstelle ohne Gehalt ausübten. Für den Fall, dass innert der nächsten Jahre ein neues Rathaus gebaut würde, wurde ihnen sogareine Besoldung verprochen.
Die drei Baumeister waren die ersten bekannten Leiter der Ziegelei Appenzell. Die Wappen dieser verdienstvollen Männer sind heute noch - in Anerkennung ihrer Arbeit - über dem Eingang des Ratsaales im Rathaus von Appenzell zu sehen.
Weil nach dieser übermässigen Beanspruchung nach dem Dorfbrand die kleine Ziegelhütte baufällig geworden war, wurde um das Jahr 1565 der vordere Teil des heute noch stehenden Brennofens neu erstellt. Mit Schreiben vom 29. Dezember 1573 teilte die Regierung von Appenzell derjenigen von Zürich mit, dass die Ziegelhütte zum Betrieb an Rudolf Ringgli, einem erfahrenen Ziegelbrenner aus Zürich, übergeben werde. Das grosse Interesse der Appenzeller Regierung an einer gut funktionierenden Ziegelei zeigte sich darin, dass dem Ziegler Land, freie Wohnung und Heizung, Ton, Holz und Kalk unentgeltlich überlassen wurde. Die „Losung" aus den Ziegeln und dem Kalk fiel dabei hälftig dem Lande und hälftig dem Ziegler zu. Ausserdem bezog Ringgli ein Jahresgehalt von 220 Gulden. Eine Abbildung "Land und Dorf Appenzell anno 1586" zeigt die Ziegelhütte erstmals deutlich an ihrem jetzigen Standort.
Nachdem der Wind die Ziegelhütte umgeworfen hatte, verfügte der Wochenrat am 18. Februar 1606, dass man die Ziegelhütte wieder „buwen solle, dann man allhier ohne Ziegl nit langen sin khönne“. Der Bau wurde dem Säckelmeister, der Baumeister war, in Auftrag gegeben. Die gleiche Behörde stellte am 19. August 1618 einen neuen Ziegler von Waldkirch an, „der ein guter und ehrlicher Mann sein soll“ und übergab ihm den neuen Betrieb zur alleinigen Führung.
In der Landrechnung vom Jahre 1614 befindet sich u.a. ein Eintrag, dass die Kirche von Meister Melcher als späteren Betreiber der Ziegelhütte 2200 Dachplatten bezog. Weiter steht in einem Ratsbeschluss von 1638, dass der Landesbauherr von Appenzell die Ziegelhütte stets instand stellen soll (die Ziegelhütte befand sich damals ja im Eigentum des Landes Appenzell, wurde zur Bewirtschaftung aber einem Ziegler übergeben).

Im Jahre 1755 erlangte die Ziegelhütte Appenzell die heutige Grösse. Vom 22. Juni 1836 bis 11. November 1837 verpachtete die „Hohe Regierung“ die Ziegelhütte an Ziegler Johann Anton Suter für 120 Gulden. Von 1839 bis 1845 war „alt Bot“ Kölbener Pächter der Ziegelhütte, ebenfalls vom 20. November 1845 nochmals für vier Jahre.

Am 21. November 1837 wurde im Wochenrat ein neues Reglement und die Bedingungen für die Vergabung der Ziegelhütte durchberaten und festgelegt. 1850 wurde erstmals wegen ungenügender Rentabilität in Kreisen der Obrigkeit auch über einen Verkauf der Ziegelhütte an den Meistbietenden diskutiert.
Am 3. Juni 1850 beschloss der grosse zweifache Landrat, dass die sich im Staatsbesitz befindliche Ziegelhütte nur noch anlässlich einer öffentlichen Versteigerung verpachtet werden dürfe. Darauf ging sie vom 4. November 1850 für drei Jahre und 1873 nochmals bis 21. April 1857 für jährlich 110 Gulden an Ziegler Jakob Signer.
1856 entschied dann aber die Regierung, die Ziegelhütte sei samt Boden zu verkaufen. Über die Kaufverhandlungen sagt die Chronik: "Die Baukommission wünscht Auskunft, wie die Ziegelhütte in Zukunft benützt werden solle. Sie glaubt aber vorderhand, wenn das Erschwerende und Nachteilige für das Land näher ins Auge gefasst werde, es im Interesse des Landes liegen sollte, die Ziegelhütte zu veräussern. Nach geschehener Umfrage wurde erkannt, die Ziegelhütte in Pacht zu geben, selbe öffentlich versteigern zu lassen, und die näheren Pachtbedingnisse jeder Art der Baukommission zu überlassen".
Weil die Ziegelhütte aber auf Riedboden stand, wandten sich am 2. Dezember 1856 Verantwortliche der Genossenschaft Ried mit Bannwart Josef Fritsche als Erstunterzeichner mit nachstehendem, wichtigen Schreiben an den Wochenrat:
"Hochgeborener, Hochgeachteter Herr Landammann! Hochgeachtete Herren!
Die ehrerbietigsten Unterzeichneten erscheinen im Namen und Auftrage der gegenwärtigen Genossenschaft der uralten Armenstiftung Ried genannt vor Ihnen, um ihre gerechte Beschwerden und Einsprüche zu widerlegen gegen den letztgefassten resp. Ratschluss der Ziegelhütte mit dem bisher im alljährlichen Pachtzins benutzten Riedboden als Eigentum dem Meistbietenden zukünftig zu überlassen.
Wir erheben nicht die geringste Beschwerde gegen den Verkauf der Gebäulichkeiten der Ziegelhütte, welche verfügbares Eigentum des Staates, resp. Bauamtes ist, sondern nur gegen den Verkauf des Grund und Bodens, welcher laut Stiftung des Hugo Baumann, Walter Küchenmeister, Adelheid Baumann etc. nicht Staats-, sondern Armeneigentum ist, das in seinem ganzen Umfang und Inhalt in allen seinen Teilen unantastbar und unveräusserlich ist.
Die gegenwärtigen Inhaber dieser ältesten, vor der Mitte des 15. Jahrhunderts herstammenden Armenstiftung, sehen das Ried selbst nicht als Eigentum sondern nur als Nutzniessung an, worüber ihnen kein Veräusserungsrecht zusteht, sondern die strenge Pflicht obliegt, dasselbe ihren gleichberechtigten armen Nachkommen ganz und unverkümmert zu überliefern, wie sie es von ihren Vorfahren überkommen haben. Unsere erste Beschwerde und Rechtsverwahrung gründet sich auf Unverletzbarkeit und Heilighaltung der alten Armenstiftung.
Hat auch die hohe Obrigkeit das Aufsichtsrecht über die frommen Stiftungen und selbst laut Verfassung das Verfügungsrecht über die zweckgemässe bessere Verwendung der Armengüter, so kann daraus gar kein Rechtsgrund, viel oder wenig vom Ried zu verkaufen, abgeleitet werden, weil der Stifter selbst seinen Willen ausgedrückt, dass es unveräusserliches Eigentum der Armen zur Benützung und Anpflanzung etc. für alle Zeiten sein und bleiben solle, darum fällt es nicht so sehr in den Begriff der engeren Armengüter, als vielmehr in den Begriff der Stiftungen, bei welchen des Stifters Wille massgebend ist....“
Es folgen weiter zwei Seiten Begründung und das Schreiben endet mit:
„... Diesen Anlass benützend unterstellen wir uns hoch Ihrem väterlichen Schutz und Gewogenheit und zeichnen mit aller Hochachtung und ehrfurchtsvoller Ergebenheit.
Hochwohlgeborener, Hochgeehrter Herr Landammann!
Hochgeachtete Herren!
Appenzell, den 2. Dezember 1856
gehorsamst ergebene Diener und Untergebene
Fritschi Joseph Anton, Bannwart
Graf Paulus
Aebisegger Johann Baptist
Neff Franz Karl
Dörig Jakob Anton“
Dieses Schreiben hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Bereits 1857 heisst es in einem Schickbrief der Ziegelhütte: „Es gibt die Regierung laut grossen Ratsbeschluss dem Johann Anton Schmid auf Nachschlag die auf dem Ried stehende Ziegeleibrennerei, samt allen dazugehörenden Gebäulichkeiten und Wohnhaus, jedoch ohne eigentümlichen Grund und Boden im übrigen aber in bisherigen Rechten, Nutzen und Beschwerden um den Anschlagpreis von 1600 Gulden und 20 Franken Trinkgeld“. Die Ziegelhütte ging danach am 22. April 1857 erstmals als bisher obrigkeitliches Gebäude in Privatbesitz über an Jakob Anton Weishaupt für 1600 Gulden, 59 Franken und 69 Rappen, jedoch ohne Grund und Boden (1 Gulden entsprach damals etwa Fr. 2.20).
Am 29. März 1865 versteigerte Erstbesitzer Anton Weishaupt die Ziegelhütte weiter an Josef Anton Wild aus Tägerschen für Fr. 7'720.--.
Ein Jahr später, am 14. Februar 1866, ersteigerte Hauptmann Benedikt Broger für Fr. 4'620.-- die Ziegelhütte. Wieder einen Monat später, am 8. März, kaufte Hans Jakob Krüsi vom Speicher die Ziegelhütte um Fr. 7'900.-- und Fr. 100.-- Trinkgeld. Nach weiteren zwei Monaten erwarb Daniel Lutz das Ziegeleigebäude am 28. Mai zum gleichen Preis. Schliesslich wurde die Ziegelhütte am 28. November zum vierten Male im selben Jahr wiederum an Benedikt Broger für Fr. 4'200.-- veräussert.
Am 6. Februar 1868 kaufte Schuster Johann Anton Hersche die Ziegelhütte um Fr. 12'000.-- und betrieb sie immerhin vier Jahre lang!
Dann, am 3. Januar 1872, ging sie an Fuhrhalter Johann Baptist Wild über für Fr. 12'000.-- und Fr. 5.-- Trinkgeld.

Dieser verkaufte sie am 28. Dezember gleichen Jahres wieder an alt Lehrer Franz Anton Wild für Fr. 13'000.-- und Fr. 100.-- Trinkgeld.
Offenbar gelang es den ersten selbständigen Zieglern in Appenzell nicht, auf einen grünen Zweig zu kommen. Bis 1875 wechselte die Ziegelhütte in diesen 18 Jahren nämlich nicht weniger als zehn Mal die Hand. Nachdem zahlreiche Appenzeller Bürger für kurze Zeit die Ziegelhütte besassen, übernahm schliesslich Gottlieb Waibel, ein sehr erfahrener Ziegler aus dem luzernischen Huttwil, am 27. Februar 1872 die Ziegelhütte für Fr. 13'000.--. Er wollte die Ziegelei endlich auf „Vordermann“ bringen .

Waibel betrieb die Ziegelei denn auch drei Jahre lang mit viel Erfolg und verkaufte den inzwischen gut funktionierenden Betrieb am 5. Oktober 1875 schliesslich an Valentin Gschwend, Hafnermeister von Altstätten, um Fr. 13'000.-


Nach den so zahlreichen Handwechseln haben sich jetzt offenbar die richtigen Leute der Ziegelei angenommen und wussten diese auch während Generationen als Existenzgrundlage ihrer Familien zu erhalten. Am 15. April 1881 überliess Valentin Gschwend die Ziegelhütte seinem Tochtermann Heinrich Buschauer für Fr. 30'000.--. Heinrich Buschauer wurde am 12. Oktober 1851 in Altach (Vorarlberg) geboren und arbeitete schon vor seiner Heirat viele Jahre lang zusammen mit der einzigen Tochter seines Arbeitgebers in der Ziegelei Appenzell. Er brachte den Betrieb voran und baute die Ziegelhütte aus. An der Landsgemeinde 1905 wurde ihm das Landrecht erteilt. Der rastlos schaffende Mann starb am 27. Oktober 1921 an den Folgen eines Schlaganfalles.
Am 2. Dezember 1922 wurde die Ziegehütte erbrechtlich an die Erben von Heinrich Buschauer übertragen und ging am 23. Dezember gleichen Jahres für Fr. 36'000.-- an seinen Sohn Karl Buschauer über. Die Ziegelhütte befand sich jetzt in der III. Generation dieser Familie. Karl Buschauer wurde am 6. Juni 1891 in Appenzell geboren und führte die Ziegelei nach dem Tode seines Vaters weiter bis zur Stilllegung im September 1957. Seit 11. März 1940 war er Mitglied bei der Genossenschaft Ostschweizerischer Ziegeleibesitzer.

Zum Ziegeleibetrieb gehörte auch Landwirtschaft. Angehörige der Betreiberfamilie übernahmen zudem öffentliche Ämter.
Die sich aus der Entwicklung der Ziegelei Appenzell ergebenden Rechtsverhältnisse sind für das alte Appenzeller Landrecht beispielhaft und haben sich bis heute erhalten. So ist denn der Boden, auf welchem die Ziegelei Appenzell steht, bis zum heutigen Tag im Eigentum der Stiftung Ried geblieben, während Gebäude und Einrichtungen gesondert Eigentum wurden. Demnach muss auch weiterhin vom jeweiligen Eigentümer der Ziegelhütte, der als solcher über die Gebäulichkeiten freies Verfügungsrecht hat, der Stiftung Ried für die Nutzung des Bodens ein Pachtzins entrichtet werden.
Die Ziegelei war der erste und einer der kleinsten Industriebetriebe im Appenzellerland. Dank der unermüdlichen Schaffenskraft ihrer Inhaber hat sie während Jahrzehnten dem Baugewerbe im Appenzellerland gute Dienste geleistet und war Existenzgrundlage für eine Familie und ihre 10-köpfige Belegschaft. Gerade in unserer raschlebigen Zeit der Technisierung ist es wertvoll, sich wieder einmal anhand von Chroniken zu vergegenwärtigen, aus welchen Anfängen und Verhältnissen sich die meisten unserer Betriebe und damit unsere Industrie entwickelt haben.

Alles beginnt
mit der Erde.
Lehm, Wasser und Brennstoff: Aus diesen einfachen Zutaten entstand ein anspruchsvolles Handwerk. Zunächst lag der Rohstoff nahe beim Betrieb, auf dem Ried und beim Bannhüttli. Der Lehm musste gewonnen, transportiert, gereinigt und sorgfältig aufbereitet werden.
Die Aufnahme von 1899 zeigt den Abbau beim Bannhüttli. 1921 erleichterte eine Transportbahn den Weg von einer rund 300 Meter entfernten Grube zum südlichen Anbau der Ziegelei. Als die nahen Vorkommen erschöpft waren, wurden die Abbauflächen wieder hergerichtet.
Ab den 1930er-Jahren kam der Lehm ausschliesslich aus der Mendle. Der Transport blieb aufwendig. Pferdewagen, Lastwagen und kleine Rollwagen gehören deshalb ebenso zur Geschichte wie der Ofen selbst.
Auch die Beschaffenheit des Materials setzte Grenzen. Der örtliche Lehm eignete sich nicht für jedes Erzeugnis gleich gut. Die Dachziegelproduktion wurde aufgegeben; Mauerziegel und Drainagerohre blieben wichtige Produkte.



Ausführlich lesenLehmgewinnungAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Der Lehm stammte grösstenteils aus der unmittelbaren Umgebung der Ziegelhütte, von den oberen Brachen des Riedareals sowie von der Mendle.
Vom 16. bis 19. Jahrhundert wurde im ganzen Gebiet rund um die Ziegelhütte von mehreren Zieglern Lehm gegraben. Die Ausbeutung von Lehm in den oberen Brachen war daher für das Ried für viele Jahre ein wichtiges Nutzungsgut. Darüber hielt Art. 40 der Riedstatuten fest: „Eignet sich eine Brache zur Ausbeutung von Lehm, Kies, Sand usw., so hat die Verwaltung das Recht, solche Brachen zu beanspruchen, d.h. sie im Interesse der Gesamtverwaltung auszubeuten und dem bisherigen Nutzniesser zu entziehen.“ Die Riedverwaltung hatte darum ein Interesse, mit den Besitzern der Ziegelei, die den Lehm zur Ziegelherstellung benötigten, in ein Vertragsverhältnis zu kommen. Im Mai 1877 stellte Valentin Gschwend der Riedverwaltung das Begehren, dass er die zugewiesenen Brachen oberhalb der Ziegelei allein benutzen dürfe. Das Recht wurde ihm zuerkannt mit der Auflage, dieselben nach der Ausbeutung wieder in nutzbaren Zustand zu stellen. Im weiteren müsse er jeden Abend, wenn das Lehmschlitten begonnen habe, der Riedverwaltung die Fuderzahl bekannt geben.
Eine Beschwerde von Heinrich Buschauer, die jährliche Zahlung von Fr. 250.-- für die Lehmausbeute sei wegen Minderertrag der Lehmgrube zu reduzieren, wurde am 28. Oktober 1916 von der Riedverwaltung abgelehnt. Im November 1917 wurde dem Ziegeleibesitzer von der Verwaltung unter Beisein von Säckelmeister Haas bewilligt, an einer anderen Stelle Lehm auszubeuten. Dort handelte es sich um einen günstigeren Platz und die Ausbeutung sei auf Jahre hinaus sicher. Die jährliche Gebühr wurde auf Fr. 30.-- festgesetzt nebst der Verzinsung der Brachen.
Gleichzeitig bemühten sich die Ziegler von Appenzell um weitere Lehmgruben. Auf der „Forren Männdli“ (heute Mendle genannt) in Meistersrüte nahe an der Kantonsgrenze zu Gais begann man bereits im 19. Jahrhundert im nördlichsten Teil den unter der Torfschicht liegenden Lehm für die Fabrikation von Ziegeln und Ofenkacheln abzugraben. Bis 1860 stand die Lehmgrube den Mendle-Anteilhabern unbeschränkt offen. Ausserkantonale Bezüger hatten hingegen für jede Fuhre eine Taxe zu bezahlen. Nachdem 1847 das „Lehmloch“ durch zwei Fahrrechtsverträge besser erschlossen worden war, nahm die Lehmnutzung kontinuierlich zu. Das zunehmende Interesse veranlasste die Mendlekommission, im Jahre 1860 das Lehmgraben von einer Bewilligung abhängig zu machen und ab 1865 auch von den Innerrhodern Anteilhabern ein Entgelt zu verlangen. Ziegler Franz Anton Manser und übrige Innerrhoder Bezüger hatten je Fuhre neu eine Taxe von 40 Rappen zu bezahlen. Im Jahre 1860 kam es zu einem Streit über ein von Ziegler Weishaupt behauptetes Sondernutzungsrecht zugunsten des Eigentümers der Ziegelhütte Appenzell. Weishaupt drang allerdings mit seiner Behauptung, er habe mit dem Kauf der Ziegelhütte im Jahre 1857 ein unbeschränktes Vorrecht auf die Lehmgrube der Mendle erworben, nicht durch. An einer ausserordentlichen Mendlegemeinde vom 25. November 1877 wurde das Recht zur Ausbeutung des Untergrundes generell der Zentralverwaltung zugesprochen, während das Nutzungsrecht der Bezirksmendlen auf das Gras und die Streue beschränkt wurde. Knapp drei Wochen später schloss die Oberaufsichtskommission u.a. mit Ziegeleibesitzer Valentin Gschwend bereits einen Vertrag ab, der ihn berechtigte, während zehn Jahren Lehm abzugraben. Dieses forsche Vorgehen fand vor allem bei der Bezirksmendle-Kommission Appenzell wenig Zustimmung. Es entstanden Streitereien und auch das Bezirksund Kantonsgericht musste sich damit befassen. Schliesslich wurde an einer ausserordentlichen Mendlegemeinde vom 19. Mai 1878 beschlossen, den Erlös aus der Lehmgewinnung solle den Bezirksmendlen zufallen.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Lehm für die Ziegelherstellung direkt vor dem alten Wohnhaus auf dem oberen Teil der späteren Schützenwiese gestochen. Eine Transportkiste an einem Seil beförderte den Lehm zum Lagerplatz hinter dem Ziegelhütte. Als in dieser Grube östlich der Ziegelei der Vorrat an Lehm zur Neige ging, holte man den Lehm ab 1900 von den Brachen beim Bannhüttli oberhalb dem Riedwald. Der Lehm aus diesem Gebiet, genannt „Rosengarten“, südlich der Ziegelei am Nordabhang der Sollegg befand sich in einer Tiefe von 40 cm unter der Oberschicht und bestand aus gelblichem Ton ohne Steineinschlüsse. Die Arbeiter trugen den Lehm mit Tragbahren oder die Töchter von Heinrich Buschauer mit Tragkrenzen vom Bannhüttli zur Ziegelei. Weil sich der Lehm aus dem Gebiet des Bannhüttlis für die Herstellung von Dachziegeln aber nur schlecht eignete, wurde die Dachziegelfabrikation jetzt eingestellt.

Einige Jahre lang wurde Lehm auch an der „Kantenstell“ an der Strasse zum Gontenbad abgebaut. Die Qualität war aber dort nicht besonders gut.
Eine ausserordentlich Riedgemeinde erteilte am 12. September 1920 der Riedverwaltung die Kompetenz, den Bau einer Rolloder Seilbahn zum Transport vom Lehm ab der neuen Lehmgrube unterhalb des Freudenbergs zu bewilligen. Die Kommission war aber der Ansicht, dass die Brachen bei einer Seilbahn wesentlich weniger Schaden nehmen würden als bei einer Rollbahn. 1921 baute Heinrich Buschauer die Transport-Seilbahn. Sie führte von der „Bergstation“ der neuen Lehmgrube, ca. 300 m oberhalb der Ziegelhütte und östlich vom Freudenberg, hinab zum neuerstellten Anbau auf der Südseite der Ziegelhütte. Bei der Lehmgrube wurde zum Schutze der Maschinenanlage eine Baracke von 13 m Länge und 6 m Breite erstellt, ebenso entstand ein gedeckter Unterstand als „Talstation“ auf der Südseite der Ziegelhütte. Für die Lehmausbeute wurde dem Ried jetzt jährlich Fr. 500.--anstelle bisher Fr. 400.-- bezahlt. Zudem musste mit den betreffenden Brachenpächtern eine Einigung erzielt werden wegen einem Nutzungs-Minderertrag.

Anfangs der dreissiger Jahre musste die Lehmgewinnung wegen Erschöpfung des Materials auf dem Riedboden für immer eingestellt werden. Darauf hin wurden alle Lehmgruben auf dem Ried wieder rekultiviert. Zum Auffüllen der Lehmgrube oberhalb der Ziegelei, welche mit der Seilbahn erschlossen war, wurde eine Kehrrichtdeponie eingerichtet.
Jetzt holte man den Lehm ausschliesslich von der Mendle. Dort entstand unter Karl Buschauer eine leistungsfähige Lehmgrube, welche bis zur Stilllegung der Ziegelei im Jahre 1957 genutzt wurde. Ein Pferd zog jeweils die drei mit Lehm beladenen Rollwagen auf eine Holzkonstruktion, um dann den Inhalt in einen darunterstehenden Pferdeoder Lastwagen zu kippen. Der Lehm war von aussergewöhnlich guter Qualität und absolut frei von Zusätzen oder Unrat. Er wurde hinter der Ziegelhütte mehrere Meter hoch gelagert.
Sobald der Lehm auf dem Lagerplatz hinter der Ziegelhütte wieder aufgebraucht war, wurden bei schönem Wetter alle Ziegeleiarbeiter für etwa eine Woche wieder nach der Mendle beordert, um Lehm zu graben. Dieser wurde mit einer „Harfe“ gestochen und so Würfel um Würfel abgebaut.

Früher wurde der Lehm im Winter mit Pferdeschlitten von der Mendle nach Appenzell transportiert. Trotz der oft grossen Kälte arbeiteten jeweils etwa drei Mann in der Lehmgrube und bauten den Lehm, der unter der Eisdecke kaum gefroren war, 3 - 4 m tief ab. Mit vier, später mit zwei Pferden, wurden jeweils zwei, bzw. ein Schlitten geführt. Wenn zwei Schlitten notwendig waren, musste der zweite Schlitten beim Adlerplatz in Appenzell abgehängt werden, um zuerst den einen zur Ziegelhütte zu ziehen. Anschliessend wurde der zweite Schlitten am Adlerplatz geholt. Erst als der Lehm mit Lastwagen transportiert wurde, verzichtete man im Winter auf das Lehmgraben. Das Lehmführen mit Pferdeschlitten war bei den Autofahrern allerdings nicht besonders beliebt, da zum Bremsen ein Kratzeisen unter den Schlitten gelegt wurde und dieses meist tiefe Rinnen in der Strasse hinterliess. In einem Standeskommissions-Beschluss vom 21. Dezember 1940 heisst es dann auch, dass das Bauamt auf die vielen Schäden vom Lehmschlitten aufmerksam gemacht werden müsse. Als Fuhrknechte standen Josef Schiegg und zeitweilig auch Baptist Neff im Dienst, die beide auch ein paar Jahre mit dem Lastwagen der Ziegelei Transporte ausführten. Nach zwei Kollisionen mit der Bahn wurde der Lastwagen aber wieder verkauft.
Ab 1947 wurde Walter Rusch von der Bleiche beauftragt, die Transporte mit seinem Lastwagen bis zur Stilllegung durchzuführen. Wenn Walter Rusch verhindert war, führte auch Franz Knechtle von der Weissbadstrasse Lehmtransporte mit seinem nostalgischen Lastwagen durch.

Jeder Ziegel
ein Stück Arbeit.
Die Maschinen übernahmen einen Teil der schweren Arbeit. Erfahrung und viele Hände blieben unentbehrlich – vom ersten Mischen bis zum letzten Stapel.

- 01
Mischen & kneten
Der Beschicker führte den Lehm zu. Wasser und bei Bedarf Sand aus zerkleinertem Ziegelmaterial sorgten für die passende Mischung. Im Kollergang kneteten schwere Eisenräder die Masse.
- 02
Formen & schneiden
Walzen und Presse verdichteten den Lehm. Aus der Öffnung kam ein gleichmässiger Strang, den ein Drahtbügel in einzelne Rohlinge teilte. Für Drainagerohre wurden andere Formen eingesetzt.
- 03
Tragen & trocknen
Ein Paternoster brachte die Rohlinge in die oberen Geschosse. Dort wurden sie mit einrädrigen Wagen verteilt. Drei bis vier Wochen trockneten sie in der Luft.
- 04
Prüfen & brennen
Erst gut getrocknete Ware durfte in den Ofen. Die Stapel mussten so gesetzt werden, dass die heisse Luft überall hindurchziehen konnte.


Die hölzernen Lüftungsklappen prägten das Gebäude und den Arbeitsalltag. Bei gutem Wetter liessen sie Luft an die Rohlinge; bei Regen mussten sie geschlossen werden. Drainagerohre standen zum Trocknen aufrecht, wurden gewendet und an den Innenkanten nachgearbeitet.
Produziert wurde vor allem von Mai bis September. Die Sammlung nennt für gute Betriebstage bis zu 10 000 Ziegel und für ein Jahr bis zu 500 000 Stück. Rund zehn Beschäftigte hielten diesen Kreislauf in Gang. Solche Zahlen erzählen auch von der körperlichen Arbeit, die hinter jedem fertigen Ziegel stand.
Ausführlich lesenZiegelherstellungAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Bis zur Inbetriebnahme der ersten Maschinen in Appenzell wurden die Ziegel von Hand geformt. Der Lehm wurde geknetet und in hölzerne Formen gepresst. So entstanden Backsteine und Dachziegel. Die „Regenrinnen“ an den Biberschwanz-Dachziegeln wurden mit vier Fingern einer kräftigen Hand gezogen.
Als Folge der fortschreitenden Industrialisierung ersuchte Heinrich Buschauer am 21. November 1896 die Riedverwaltung um die Bewilligung, vom Bann (Vogelherd) herunter durch die Riedbrachen eine Wasserleitung zu erstellen mit dem Versprechen, danach alles wieder einwandfrei herzustellen. Zudem seien die Anstösser auf dem Ried berechtigt, im Unglücksfall durch Feuer den von ihm erstellten Hydranten samt Schlauch zu benützen. Die Bewilligung wurde ihm am 22. Februar 1897 erteilt mit entsprechendem Verschrieb auf der Kanzlei. Zur Speisung dieser Wasserleitung wurde ein Weiher oberhalb dem Wald östlich vom Bannhüttli angelegt. Jetzt konnten die ersten kleineren Maschinen eingesetzt werden.
Durch den grossen Druck dieser langen Leitung wurde es möglich, in der Ziegelei ein Wasserrad einzubauen, welches kleinere einzelne Maschinen antrieb. 1906, ein Jahr nachdem das Elektrizitätswerk Appenzell den Betrieb aufgenommen hatte, konstruierte Heinrich Buschauer selber die ersten Maschinen zum Herstellen von Ziegeln. Jetzt trieb ein 45 PS-Motor trieb die wenigen Maschinen an.
1910 richteten Schlipfe unterhalb des Weihers grosse Schäden an. Im Auftrage der Riedverwaltung untersuchten Experten vom Ingenieurbüro Schuler in St. Gallen die Ursachen dafür. Sie stellten aber fest, dass es sich beim ganzen Terrain um ein Schlipfgebiet handle und dass weder das Sickerwasser vom Weiher noch ein Rohrleitungsbruch für den Schaden verantwortlich gemacht werden könne.
In der Ziegelei wurden um etwa 1910 versuchsweise auch Fassadenplatten gebrannt. Diese grossen, rostfarbig geflammten Platten waren als Verkleidung für Sockelgeschosse von Wohnhäusern gedacht. Muster solcher Platten sind noch heute an einigen Wohnhäusern vorhanden. Diese Platten vertrugen aber die Kälte nicht und es entstanden im Winter kleine Risse. Sie wurden deshalb nicht mehr weiter fabriziert. Auch andere Gegenstände wie Kuchenformen, Gartenzwerge, usw. stellte man in der Ziegelei versuchsweise her und brannte diese zusammen mit Ziegeln.
Im gleichen Jahr wurde der 45-PS-Motor durch einen grösseren 85-PS-Motor ersetzt. Dieser trieb über eine Transmission 13 Maschinen an. Drei weitere kleinere Motoren trieben die Rohrschleifmaschine, das Gestänge für die Kohlenkessel und den Abluftventilator für den Kamin an.
Am 27. Juli 1920 musste sich die Feuerschau-Kommission (Betriebskommission des EW) mit den Netzlastschwankungen im Bahnhofsgebiet befassen. Es wurde mit dem Ziegeleibesitzer vereinbart, dass er den grossen Motor über die Mittagszeit ausser Betrieb setze und dafür würde ihm eine Reduktion der Stromrechnung zugestanden. 1942 wurde der 85-PS-Motor durch einen neuen 110 PS-Schleifringanker-Motor ersetzt.
Jetzt wurden auch Maschinen gekauft bei der Ziegeleimaschinen-Fabrik Rieter in Konstanz.
Nachdem die Maschinen in der Ziegelei elektrisch betrieben wurden, konnte die Wasserleitung vom Bannhüttli herunter ausser Betrieb gesetzt werden. Der Weiher wurde wieder zugeschüttet (er ist aber heute noch als Sumpf gut zu erkennen). Der Boden, welcher sich im Besitze der Ziegelei befand, wurde am 27. März 1929 der Riedverwaltung zurückgegeben.
Um 1930 versuchte man auch Ofenkacheln zu brennen. Diese wurden aus speziellem Lehm geformt. Es wurden grüne Glasflaschen zermahlen und der grüne Flaschenstaub unter den Lehm gemischt. Dadurch erhielten die Kacheln die grüne Farbe. Weil aber die Kacheln feine Haarrisse aufwiesen, wurde deren Fabrikation nicht mehr weiterverfolgt.
Gearbeitet wurde in der Ziegelhütte in der Regel jeweils von anfangs Mai bis Ende September. Im Winterhalbjahr stand der ganze Betrieb still. Bei Saisonbeginn wurde zuerst Lehm gefördert, nachher produziert und zwischendurch wieder Lehm geholt. Zwischen Juli und Ende September wurde meistens mit wenigen Unterbrüchen gleichzeitig gebrannt.
Sobald jeweils genügend Lehm auf dem Lagerplatz hinter der Ziegelhütte vorhanden war, konnte mit der eigentlichen Fabrikation begonnen werden. Mit Karretten transportierten zwei Arbeiter (Arbeiter 1 und 2) den Lehm zum Beschicker, einem kleinen eisernen Förderband im ersten Obergeschoss. Dort stand der "Mischer" (3), der wichtigste Mann in der ganzen Ziegelfabrikation. Dieser verteilte den Lehm auf dem Beschicker und mischte Wasser bei, wenn er zu trocken war oder Sand von zermahlenen Bruchziegeln, wenn der Lehm zu nass war. Vom Beschicker gelangte der Lehm in den Kollergang. Dort drehte sich ein 6-Zentner schweres Eisenrand um die eigene Achse. Der Lehm wurde zerknetet und gewalzt. Dabei wurden Steine oder Unrat zerdrückt, zermahlen und in den Lehm hineingemischt. Der Boden des Kollerganges bestand aus Eisenplatten mit ganz kleinen Schlitzen. Durch diese Schlitze wurde der Lehm gepresst und fiel wie Bandwürmer in den sich darunter drehenden grossen Auffangteller.

Von diesem Auffangteller im Erdgeschoss fiel der Lehm, schon ziemlich gut geknetet, zwischen zwei Eisenwalzen. Dort wurde er weiter zerknettet und gelangte schliesslich in die Ziegelmaschine. Vorne an der Ziegelmaschine befestigte man die gewünschte Ziegelform. Ein Schneckengetriebe presste den Lehm durch die Form auf einen Schneidetisch mit 11 kleinen Rollen. Sobald der Lehm in der Höhe und Breite eines Backsteins vorne am Stirnbrett des Schneidetisches angelangt war, schnitt ein Arbeiter (4) mit einem Bügel, an dem je nach Art der Backsteine ein bis drei Drähte eingespannt waren, Ziegelrohlinge ab. Damit wurden gleichzeitig ein, zwei oder drei Rohlinge abgeschnitten. Der Arbeiter nahm die Rohlinge und stellte sie ganz sorgfältig auf ein Tablar des Pater-Noster-Aufzuges, der die Backsteinoder Rohrrohlinge in das 2., 3. oder 4. Obergeschoss transportierte.

Ähnlich wie die Backsteine wurden auch die Drainagerohre hergestellt. Dazu wurde der Lehm zuerst durch die Ziegelmaschine ohne angesetzte Form gepresst und fiel auf den Boden. Der Schneidetisch wurde um 180 Grad gedreht und stand vor der Rohrmaschine. Der Lehm wurde von einem weiteren Mann (5) vom Boden in die Rohrmaschine gefüllt, damit der Lehm ein zusätzliches Mal mit Walzen zerknetet wurde. An der Rohrmaschine montierte man die gewünschte Form für ein grosses oder für zwei kleine Drainagerohre. Der Lehm für die Drainagerohre musste nämlich ganz besonders gut geknetet sein, damit diese im Erdreich wasserundurchlässig waren.

In den drei Obergeschossen standen drei Arbeiter (6, 7 und 8) mit flachen Einrad-Schubkarren bereit und hoben die Rohlinge von den Tablaren des Aufzuges auf ihren Wagen. Während ein Arbeiter seinen Wagen belud, brachten die beiden anderen Arbeiter die Ziegel-Rohlinge in die Lagergestelle in diesen drei Stockwerken.
Drainagerohre wurden meistens im 4. Obergeschoss getrocknet, stehend auf dem Boden. Nach einer Woche mussten diese gedreht werden, weil sie von oben nach unten trockneten. Sobald die Rohre trocken waren, musste mit einem Messer der innere Rand sauber geschliffen werden. Später erfolgte diese Arbeit mit der Rohrschleifmaschine im 1. Stock.
Eine schwere Maschine diente dem Zerbrechen von gebrannten Ziegeln, sogenannten Bruchziegeln. Der Sand, der daraus entstand, wurde u.a. auch dem nassen Lehm auf dem Beschicker beigemischt. Sehr häufig wurden auch Lehmziegel hergestellt, die von Hafnern benötigt wurden.
Die Produktion war trotz der vielen Handarbeit recht gross. In den letzten Betriebsjahren wurden täglich bis zu 10'000 Backsteine hergestellt, was bei den wenigen Tagen, an denen Ziegel produziert wurden, eine Jahresproduktion von bis zu 500'000 Stück ergab.
Zum Anfang dieses Quellentextes ↑Das Feuer
wandert weiter.
Der Brennofen war das Herz der Ziegelhütte. Nach der Beschreibung in der Sammlung war er rund 61 Meter lang. Das Feuer blieb nicht an einer einzigen Stelle: Eine etwa zehn Meter lange Brennzone wanderte durch den Ofen.
Während an einer Stelle gebrannt wurde, konnte die Ware anderswo auskühlen, entnommen und durch neue Rohlinge ersetzt werden. So griffen die Arbeitsschritte ineinander. Rund 30 Stunden brauchte das Feuer für seinen Weg durch den Ofen.
Die Farbe der glühenden Ofenwände half dabei, die Hitze einzuschätzen. Erfahrung ersetzte das Thermometer. Tag und Nacht wurde in langen Schichten gearbeitet; Kohle kam mit der Bahn und anschliessend mit Pferdewagen zum Betrieb.



Ausführlich lesenDas Brennen der ZiegelAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Die Ziegel trockneten in 3 bis 4 Wochen in den Lagergestellen. Alle Schwenkläden in der ganzen Ziegelhütte blieben möglichst viel geöffnet und die Luft zirkulierte durch das ganze Gebäude und trocknete so die Ziegel. Fensterscheiben gab es keine. Wenn es regnete, mussten die grossen, meist zwei Stockwerke hohen Holzläden zugezogen und mit Draht festgebunden werden, damit die Ziegel nicht nass wurden, bzw. bei einem Frost keine Risse bekamen. Sobald der Regen aufhörte, mussten am anderen Morgen die Schwenkläden wieder geöffnet und festgemacht werden. Nachdem die Ziegel trocken und hart waren, wurden sie auf einrädigen Stosskarretten die Rampen hinunter zum Brennofen gebracht. Die getrockneten Ziegelrohlinge wurden jetzt im Brennofen so kreuzweise aufgeschichtet, dass die Kohle von oben auf alle Ziegel fallen konnte. So gab es einen gleichmässigen Brand und nie Ausschuss. Dann wurden die sieben Eingänge zum Brennofen mit Papier abgedeckt zur Verhinderung von Zugluft.

Beim ersten Brand Mitte Juni - bei nasser Witterung auch erst Anfangs Juli - wurde die kleine Eisentüre auf der Nordseite des Brennofens geöffnet und das Feuer während einer kleinen Zeremonie angezündet unter Beigabe von Kohlenbriketts, Papier und gewichenen Palmzweigen. Dann wurde diese Türe wieder zugemauert. Über den etwa 120 runden Öffnungen des 61 m langen Brennofens standen ca. 20 Kohlenkessel - immer zwei nebeneinander. Sie waren gefüllt mit splittförmiger Steinkohle. Über einen Eisenstab waren die Kessel mit dem Gestänge darüber verbunden. Durch das Hinund Herbewegen des Gestänges wurde nach jeweils etwa einer Minute ein Verschluss am Kesselsockel geöffnet und durch die Öffnung fiel ein wenig Kohle auf die Ziegel im Ofen darunter. Die Kohle verbrannte vollständig und das Feuer erlosch nicht mehr.
Die beiden Brenner (9 und 10) arbeiteten jeweils 12 Stunden, Tag und Nacht, Werktags und Sonntags. Weil dort rund um die Uhr gearbeitet werden musste, war dieser Raum über dem Brennofen als einziger mit elektrischem Licht ausgerüstet. In den übrigen Betriebsräumen fehlte eine elektrische Beleuchtung. Bei frühzeitiger Dunkelheit, z.B. wegen Gewitter, wurde jeweils bereits um 16.00 Uhr Feierabend gemacht, dafür am anderen Morgen um 05.00 Uhr begonnen. Stündlich mussten die Kohlenkessel wieder mit Kohle aufgefüllt werden und nach 30 - 60 Minuten musste der Brenner jeweils die beiden letzten Kohlenkessel vor die ersten beiden stellen, so dass sich das Feuer, welches auf einer Länge von ca. 10 m unter den Kesseln im Brennofen brannte, kontinuierlich nach vorne weiterbewegte. In etwa 30 Stunden - je nach Art der Ziegel - hatte das Feuer den 61 m langen Ofen „durchgearbeitet“.

Die Backsteine wurden bei einer Temperatur von 1040 gebrannt. Sobald die Temperatur des Feuers 5 zuviel betrug, entstanden Schmelzziegel. War das Feuer jedoch 5 zu kalt, gab es Bruchziegel. Da kein Thermometer vorhanden war, schätzten die erfahrenen Ziegler die Temperatur einfach anhand der Mauerfarbe ausserhalb des Brennofens. Falls das Feuer nicht die richtige Temperatur hatte, konnte es durch Anpassen der Stablängen an den Kohlenkesseln oder durch Aufund Zudrehen der Abzugvorrichtungen vom Ofen zum Kamin oder durch das Verändern des Zeitabstandes beim Vorrücken der Kohlenkessel reguliert werden.
Nachdem das Feuer die Stelle mit den Ziegeln passiert hatte, kühlten die gebrannten Ziegel innert wenigen Stunden ab. Wenn sich das Feuer auf der einen Seite des Ofens befand, wurden die gebrannten Ziegel auf der gegenüberliegenden Seite des Ofens herausgenommen und sofort wieder durch neue, ungebrannte ersetzt und das durchgehend jeweils von Juni bis Ende September.
Für das Brennen der Ziegelprodukte wurde seit 1900 ausschliesslich Steinkohle aus dem Ruhrgebiet verbrannt. Jährlich wurden etwa 60 Tonnen sandförmige Steinkohle verwendet, die in Stoffsäcken vierzehntäglich per Bahn via Basel - Gossau zum Bahnhof Appenzell angeliefert wurde. Mit dem Pferdefuhrwerk holte man die Kohle am Bahnhof ab und lagerte sie im ehemaligen Kohlenhüttli hinter der Ziegelei.

Zwischen Arbeit
und Abenteuer.

Die Ziegelhütte war auch ein Stück Nachbarschaft. In der Sammlung stehen neben technischen Beschreibungen persönliche Erinnerungen: an Kinder, die kleine Dinge aus Lehm formten und heimlich mitbrennen liessen; an Versteckspiele im Winter und an die besondere Atmosphäre des langen Ofengangs.
Aus dem Brennofen wurde zeitweise sogar eine «Geisterbahn». In den Jahren nach dem Produktionsende lebten diese Räume auf andere Weise weiter. Das Gebäude bot Platz für Zusammenkünfte, Übungen der Feuerwehr und gesellige Anlässe.
Diese Einblicke stammen aus den persönlichen Erinnerungen des Autors. Sie ergänzen die Bau- und Betriebsgeschichte um den Alltag rund um das Haus.

Wind, Wege und die Tücken des Betriebs
1925 beschädigte ein Föhnsturm den hohen Kamin. Beim Wiederaufbau erhielt er nur noch etwa zwei Drittel seiner bisherigen Höhe; ein elektrisch betriebener Ventilator unterstützte den Zug.
Auch der Rohstofftransport war störungsanfällig. Eine Aufnahme vom 18. Juni 1930 zeigt einen beschädigten Lastwagen nach einem Zusammenstoss an der Mendle. Solche Ereignisse verdeutlichen, wie stark ein kleiner Betrieb von funktionierenden Wegen und Transportmitteln abhing.
Ausführlich lesenSchicksalsschlägeAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Obwohl es in der Ziegelei Appenzell nie zu grösseren Unfällen kam, blieb die Ziegelei im Laufe der vielen Jahre trotzdem nicht immer von Schicksalsschlägen verschont. Hier eine kleine Auswahl davon:
Streit in der Belegschaft:
Offenbar ging es früher in der Ziegelhütte nicht immer ganz gesittet zu und her. In einem Urteil des Kantonsgerichtes von Appenzell-Innerrhoden vom 11. September 1874 heisst es nämlich: „... In der Ziegelhütte ging ein nicht unbedeutender Skandal vor sich hin, bei welchem der erste Beteiligte, wenn auch noch angenommen wurde, dass der zweite Beteiligte in seinem betrunkenen Zustande als Anfänger figurierte, eines nicht geringen Vergehens durch Benützung eines künstlichen Werkzeugs (Messer) und daherige Verletzungen zu Schulden habe kommen lassen, und auch in Erwägung zu ziehen sei, dass er sich durch den Umstand des Nachlaufens der Doktoren einer theilweisen Schuld bewusst gewesen, welch letzteres ihm zwar als Milderungsgrund zukommt...". Weiter liest man: "...In Betracht, dass der Verletzte durch seine Arbeitsunfähigkeit (7 Wochen) in bedeutenden Schaden gekommen und auch überhaupt ihm das Recht zustehe, in diesem Falle Schmerzensgeld und Entschädigung durch die Provozierung resp. durch das Beschimpfen des ersten Beteiligten ebenfalls schuldig gemacht hat, wurde der erste Beteiligte zu einer Busse von 100 Fr. in den Landsäckel und zu einer Entschädigung von 100 Fr., sowie zur Bezahlung der Arztkosten verurtheilt, der zweite Beteiligte dagegen zu einer Busse von 10 Fr.".
Brandausbruch:
Am 3. April 1896 drohte in der Ziegelei ein Brandausbruch. Als Folge davon liess der damalige Besitzer Karl Buschauer beim Riedgaden einen Hydranten errichten, dessen Inbetriebnahme am 3. Juni 1897 im Beisein der Feuerschau-Kommission erfolgte. Der Riedverwaltung war damit vorläufig aus der grössten Verlegenheit geholfen, da der Ersteller selbst 100 Meter Schläuche auf eigene Kosten angeschafft hat und diese dem Ried zur Verfügung stellte.
Unfall eines Unbeteiligten:
Im Jahre 1922 klammerte sich der damalige Schüler [Name aus Datenschutzgründen ausgelassen] mit seiner Hand an das Seil der Lehm-Transportbahn und fuhr so eine kleine Strecke am Zugseil mit. Als er am Umlaufrad in der Talstation anlangte, getraute er sich nicht mehr, das Seil loszulassen. Mit seinen Fingern geriet er in das Rad und verlor dabei für immer die Hand mit dem Vorderarm.
Sturmschäden:
Der oft sehr starke Föhn verursachte mehrmals grössere Schäden am Gebäude. Im Jahre 1919 brach der Hochkamin; am 15. Februar 1925 knickte der Föhn den Kamin neuerdings und beschädigte auch das Dach und das Gebäude recht fest. Durch den Einbau eines elektrischen Abzug-Ventilators war es nicht mehr notwendig, den Kamin so hoch zu bauen. Darum wurde der Fabrikkamin nur noch auf 2/3 der bisherigen Höhe aufgemauert.

Unfälle mit dem Lastwagen:
Am 18. Juni 1930 kollidierte der Lastwagen der Ziegelei am Bahnübergang bei der Lehmgrube Mendle in Meistersrüte mit einem Zug der Appenzeller Strassenbahn. Lastwagen und Lokomotive wurden schwer beschädigt. Nach rund einer halben Stunde war das Gleis wieder frei; die Reisenden konnten ihre Fahrt durch Umsteigen fortsetzen. Der Lastwagen wurde repariert und weiter eingesetzt.

Schwierigkeiten mit dem Pferdeschlitten:
Auch der Lehmtransport mit Pferdeschlitten konnte am Bahnübergang Schwierigkeiten bereiten: Wo der Schnee auf dem Gleis geräumt war, blieb der Schlitten gelegentlich stecken und behinderte den Bahnverkehr.
Das Aus für den Lastwagen:
1932 kam es am Bahnübergang an der Riedstrasse zu einem weiteren Zusammenstoss zwischen dem Lastwagen der Ziegelei und einem Zug. Danach wurde der Lastwagen verkauft. Die Transporte erfolgten anschliessend wieder mit Pferden.
Betriebsunfall:
Die Arbeit an den schweren Maschinen war mit erheblichen Unfallrisiken verbunden. Die Quelle berichtet von einem Betriebsunfall; persönliche Verletzungsdetails werden hier nicht wiedergegeben.
Zum Anfang dieses Quellentextes ↑Ausführlich lesenDie Ziegelhütte als Spiel-Eldorado und nützliche BauteAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Selbstverständlich war die Ziegelhütte, vor allem im Winter, auch ein beliebtes Spiel-Eldorado. Kinder aus der ganzen Umgebung nutzten die einzigartige Gelegenheit, darin ihre Freizeit zu verbringen.
Im Winterhalbjahr durfte die Ziegelhütte unter gewissen Bedingungen auch von den Kindern der Nachbarschaft als Spielplatz benutzt werden. Als Tatort für „Versteckis“ und „Räuber und Poli“ war die Ziegelhütte ja geradezu prädestiniert.
Aber auch im Sommerhalbjahr, während gearbeitet wurde, war die Ziegelhütte Garant für das Verbringen einer unvergesslichen Jugendzeit. Kinder formten aus Lehm ganze Tablare voll mit Tonfiguren, künstlichen Broten und prächtigen „Zöpfen“ für den Verkäuferli-Laden. Alle diese Sachen liessen sie dann von den Arbeitern heimlich mit den Ziegeln mitbrennen. Diese „Kunstgegenstände“ belegten dann meist mehrere Quadratmeter Bodenfläche in einer unbenutzten Ecke des Gebäudes.
Der Brennofen, die sogenannte „Höhle“, diente in der Herbstund Frühjahrszeit viele Jahre lang als weitherumbekannte Geisterbahn. Jeden Sonntag-Nachmittag wurden einige Nachbarskinder engagiert für 50 Rappen. Diese mussten dann vier Stunden lang entweder als „Geist“ im Brennofen (nachstehend „Höhle“ genannt) arbeiten oder dann einer der beiden schweren dreirädrigen Ziegelwagen mit je zwei Kindern darauf durch die zur Geisterbahn umfunktionierte Höhle schieben. Die interessierten Kinder aus der Nachbarschaft und vom Dorf mussten dafür 20 Rappen bezahlen und standen an den Sonntagen ab 13.00 Uhr Schlange vor der Ziegelhütte. In der über 60 m langen Höhle waren etwa zehn Geisterposten eingerichtet. Eines der gefürchtesten Objekte war ein selbst gezimmerter Sarg, in welchem ein darinliegender „Geisterbahn-Mitarbeiter“ bei jeder Wagendurchfahrt im Scheine einer Taschenlampe seinen Deckel öffnen musste. Ein anderer Posten bestand aus einem schrägen Brett, auf welches der Wagen hinaufgestossen wurde und danach wieder etwa 10 cm hinabsackte. An einer anderen Stelle hing ein nasser Leinensack an der Decke, wo die Fahrgäste ihr Gesicht streiften, was im Dunkeln meist recht unangenehm war. Ein anderer „Mitarbeiter“ stand über dem Ofen im Obergeschoss und musste mit einer Giesskanne Wasser durch die Kohlenkessel-Öffnungen auf den darunter durchfahrenden Wagen giessen. Und immer wieder wurden neue Ideen ausgeheckt und auch verwirklicht.
In den Jahren zwischen 1955 und 1965 diente die Höhle im Winterhalbjahr auch als Höhlenbar, die von oben mit Hängelampen beleuchtet war. Hier ging es bis in die frühen Morgenstunden oftmals recht laut zu und her.
Die oberen Stockwerke waren zeitweise mit Heuballen belegt. Später, als die Ziegelfabrikation eingestellt war, diente die Ziegelhütte u.a. auch als Möbellager und beherbergte somit auch viele alte Sofas. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn hier oft viele Jugendliche unvergessliche Stunden verbrachten.
Die ehemalige Gesellenkammer im zweiten Obergeschoss wurde zeitweise auch als Wohnraum genutzt.
Mehrmals diente die Ziegelhütte, wenn schlechtes Wetter herrschte, den Riedgenossen für ihre jährliche Versammlung. Die Riedgemeinde, die früher immer am Ostermontag stattfand, tagt normalerweise auf dem Platz vor dem Riedgaden. Bei ganz schlechtem Wetter aber wurde diese kleine politische Versammlung viele Jahre lang in das 3. Obergeschoss der Ziegelhütte verlegt.
Die Feuerwehr nutzte öfters die Gelegenheit, in der Ziegelhütte zu üben. Der Brennofen, auch noch während der Zeit der Ziegelfabrikation, wurde regelmässig verbarrikadiert und mit Rauch gefüllt. Die Atemschutz-Gruppe der Feuerwehr konnte hier viele Jahre lang bei idealen Bedingungen den Ernstfall üben.
Zum Anfang dieses Quellentextes ↑Wo früher Ziegel brannten,
findet Kunst Raum.
Im September 1957 endete die letzte Produktionssaison. Im folgenden Frühjahr liefen die Maschinen nicht wieder an. Industrielle Fertigung, begrenzte Absatzmöglichkeiten und die schwierige Suche nach saisonalen Arbeitskräften hatten den kleinen Betrieb zunehmend unter Druck gesetzt.
Der Handel mit Ziegeln ging noch bis 1981 weiter. Das Gebäude diente als Lager, seine Zukunft war ungewiss. Eine private Initiative setzte sich für den Erhalt ein. 1987 eröffnete eine erste Etappe als Kulturzentrum mit Ausstellungen, Theater und Werkstätten.
Zwischen 2001 und 2003 wurde die Ziegelhütte zur Kunsthalle umgebaut. Der alte Ofen und Teile der technischen Einrichtung blieben erhalten. Erneuerte Holzfassaden und ein Glasdach gaben dem Haus eine neue Gestalt, ohne seine industrielle Herkunft verschwinden zu lassen.
Im Frühjahr 2003 öffnete die Kunsthalle. Die Ziegelhütte hatte einen neuen Zweck gefunden: ein Ort für Kunst, an dem die Spuren früherer Arbeit weiterhin sichtbar sind.
Ausstellungen und Besuch bei der Kunsthalle ↗

Ausführlich lesenDie heutige Verwendung der ZiegelhütteAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Am letzten Samstag im September 1957 ratterten die schweren Maschinen zum letzten Mal in der Ziegelhütte Appenzell. Wie immer wurde nach der Kilbi der Betrieb eingestellt und er sollte ruhen bis zum nächsten Frühjahr.
Doch im Laufe des Winters machte sich Karl Buschauer ernsthafte Sorgen über die Zukunft der Ziegelei. Die Inbetriebnahme der neuen Ziegelei Istighofen - damals die modernste Ziegelei Europas - zwang die Inhaber der meisten Kleinziegeleien, ihre Betriebe zu modernisieren, da sie sonst nicht mehr konkurrenzfähig waren. Das bedeutete, dass die Ziegeleien, die ihre Produkte bisher lufttrockneten, auf vollautomatisches Trocknen und Brennen mittels Elektrokammern umstellen und somit gleichzeitig den Ganzjahresbetrieb anstelle des Sommerbetriebes einführen mussten. Andererseits verhinderte das Monopol der Schweizerischen Ziegeleifabrikanten und der Genossenschaft Ostschweizerischer Ziegeleibesitzer (GOZ), dass die Ziegelei Appenzell nicht nach ausserhalb des Kantons Appenzell-Innerrhoden liefern durfte. Dafür wurden alle Ziegelprodukte, die in Innerrhoden verkauft wurden, über die Ziegelei Appenzell abgerechnet. Ein Ausbau des Betriebes kam also nicht in Frage, weil sonst zuviel produziert worden wäre. Ausserdem wurde es immer schwieriger, jedes Frühjahr wieder die gleichen bisherigen Arbeiter einzustellen. Früher war es ja üblich, dass die Ziegeleiarbeiter nur im Sommer fest angestellt waren und im Winter Aushilfsarbeiten verrichteten. Im Frühling kamen sie dann gerne wieder in die Ziegelei zum Arbeiten. Ab 1950 aber mussten jedes Jahr immer wieder ein bis zwei neue Arbeiter eingestellt und angelernt werden. Die schönen Sackuhren, die jeweils für viele Jahre Betriebstreue überreicht wurden, blieben liegen.
Nach dem Ende der Produktionssaison 1957 wurden die Maschinen im Frühjahr 1958 nicht mehr in Betrieb genommen. Die Ziegelproduktion in Appenzell war damit endgültig eingestellt.
Ab jetzt wurde nur noch der Wiederverkauf als Zwischenhandel betrieben. Die Backsteine, Dachziegel und Drainagerohre wurden von anderen Ziegeleien in der Ostschweiz bezogen und in kleinen Mengen an die Unternehmer in Appenzell ab Lager weiter verkauft. Grössere Mengen wurden von den auswärtigen Ziegeleien direkt auf die Baustellen geliefert und über die Ziegelei Appenzell abgerechnet.
Der Ziegelhandel wurde nach dem Ende der Produktion noch bis zum 30. Juni 1981 weitergeführt und danach endgültig eingestellt. Die oberen Geschosse und Teile des Erdgeschosses wurden als Heu- und Holzlager sowie als Auto-Abstellplätze vermietet.
Nun stand das grosse Gebäude ohne eigentliche Funktion da und drohte abgerissen zu werden. Auf dem sich im Baurecht befindlichen Grundstück sollte ein Wohnblock oder eine Strassenkreuzung oder ein Parkplatz für den Skilift entstehen. Andere liebäugelten, das Gebäude zu einem Lagerschopf umzubauen. Um aber das historische Bauwerk nach Möglichkeit doch noch zu erhalten, wurde versucht, die Ziegelhütte jemandem zu verkaufen, welcher das Gebäude in seiner Form erhalten würde. Buchstäblich in letzter Minute konnte die Ziegelhütte am 1. Januar 1982 an Roman Kölbener, dipl. Architekt ETH, verkauft werden. Kölbener wollte mit allen Mitteln verhindern, dass dieses industriehistorisch wertvolle Baudenkmal in Appenzell verschwindet und plante, aus der Ziegelhütte ein Ziegeleimuseum zu machen. Zu diesem Zweck wollte er das Gebäude fachgerecht restaurieren lassen.
Die Pläne für eine kulturelle Nutzung wurden Mitte der 1980er Jahre weiterverfolgt. Walter Regli-Kölbener liess die Ziegelhütte zu einem Kulturzentrum umgestalten. Die bestehenden Maschinen und die meisten Geräte blieben an Ort und Stelle stehen. Im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss entstanden zwei Kunstgalerien. Im Mai 1987 konnte die erste Etappe des neuen „Kulturzentrums“ eröffnet werden. Der obere Teil des Brennofens wurde zu einem Theatersaal umfunktioniert und im zweiten Obergeschoss entstand eine höchst bemerkenswerte Kunstsammlung, denn jeder Aussteller der beiden Galerien musste jeweils eines seiner ausgestellten Objekte der ständigen Kunstsammlung überlassen. In den übrigen Geschossen fanden kleine Ausstellungen und Veranstaltungen statt und im Erdgeschoss betrieben als zusätzliche Attraktion verschiedene Kunsthandwerker eine kleine Werkstatt. Nach zehn Jahren wurde eine Pause eingelegt und es fanden in den folgenden Jahren keine Ausstellungen mehr statt, nur noch vereinzelte Veranstaltungen. Die letzten, jedoch überaus erfolgreichen Ausstellungen „Pfeff ond Lischt“ mit hunderten von Experimenten, die im Herbst 1989 und 2000 von Gerd Oberdorfer veranstaltet wurde, brachten nochmals über tausend Besucher aus der ganzen Schweiz in die Ziegelhütte.
Im Sommer 2000 wurde dann die weitere Zukunft der Ziegelhütte endgültig besiegelt. Dank einer grosszügigen Stiftung von Heinrich Gebert konnte die ehemalige Ziegelei für 10,5 Millionen Franken in ein Kunstmuseum umgebaut werden als Ergänzung zum Museum Liner Appenzell. In einer Bauzeit von zwei Jahren wurde die Ziegelhütte total ausgehöhlt, alle Wände und Decken ersetzt und das ganze Gebäude mit modernster Infrastruktur versehen. Die Mauern vom alten, noch einzigen in der Schweiz erhaltenen Brennofen, blieben glücklicherweise bestehen. Die Aussenhülle ist durch einen neuen Lerchenholzschirm und das Ziegeldach durch ein Glasdach ersetzt worden. Seit Frühjahr 2003 steht nun die ehemalige Ziegelhütte der Öffentlichkeit als einzigartige „Kunsthalle Ziegelhütte“ zur Verfügung. Glücklicherweise verblieben noch einige alte Ziegelmaschinen und Gegenstände aufwändig renoviert in der heutigen Kunsthalle; andere historisch wertvolle Eigenkonstruktionen von Maschinen und das Gestänge für die Betreibung des Brennofens sind nur noch Erinnerung.

DIE GESCHICHTE IM ÜBERBLICK
Spuren durch die Zeit.
- Ein früher Feldbrandofen wird vermutet.↗
- Erste urkundliche Erwähnung auf dem Ried.↗
- Nach dem Dorfbrand beginnt der Wiederaufbau.↗
- Die Ziegelhütte erreicht ihre historische Grösse.↗
- Der Betrieb geht in private Hände über.↗
- Neue Betriebsphase unter Heinrich Buschauer.↗
- Elektrische Maschinen verändern die Produktion.↗
- Eine Bahn erleichtert den Lehmtransport.↗
- Die letzte Produktionssaison endet.↗
- Das Haus öffnet als Kulturzentrum.↗
- Die Kunsthalle Ziegelhütte wird eröffnet.↗
NOCH EINMAL GENAUER HINSEHEN
Weitere Blicke ins Archiv.
Die Abbildungen lassen sich in voller Ansicht öffnen. Auch hochformatige Vorlagen bleiben vollständig sichtbar.
Ausführlich lesenVorwort und NachwortAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
Eine erste Broschüre mit Fotografien zur Geschichte der Ziegelei Appenzell erschien 1997. Nach dem Umbau zur Kunsthalle wurde die Darstellung erweitert und im Innerrhoder Geschichtsfreund 2000 veröffentlicht. Weitere Unterlagen und Abbildungen ergänzten die spätere Ausgabe, die sich an alle Interessierten der Appenzeller Ziegeleigeschichte richtet.
Zeitzeugenberichte, Protokolle sowie Unterlagen aus staatlichen und privaten Archiven ermöglichten die Ergänzung der zweiten Auflage. Die Sammlung erinnert an die Sommermonate, in denen die Maschinen der Ziegelei jährlich bis zu 500 000 Backsteine und Drainageröhren produzierten. Weitere historische Ergänzungen und Fotografien bleiben für die Dokumentation wertvoll.
Eines Tages wird sich niemand mehr erinnern an die alten Zeiten der Ziegelherstellung in der Ziegelhütte Appenzell vom Mittelalter bis 1957. Immerhin erinnert heute wenigstens noch das Gebäude der Kunsthalle Ziegelhütte und einzelne Maschinen an die gute alte Zeit der Ziegelfabrikation in Appenzell meiner Eltern, Grosseltern und anderen ehemaligen Pionieren.
Appenzell, im Juni 2010 Yvo Buschauer
Nachwort
Ich habe diese Angaben zur Geschichte der Ziegelhütte Appenzell aus langjähriger Forschungsarbeit zusammen getragen. Die Angaben sind keineswegs vollständig oder in jeder Hinsicht korrekt. Ich bin daher sehr dankbar um Anregungen, Ergänzungen und vor allem weiteren Fotos und Bilder. Falls mir jemand zu dieser Schrift Angaben machen kann, danke ich im Voraus bestens.
Appenzell, im Juni 2010 Yvo Buschauer
Zum Anfang dieses Quellentextes ↑Ausführlich lesenQuellennachweis der OriginalausgabeAus der Originalschrift · Juni 2010
Zeitangaben wie «heute» beziehen sich auf die Ausgabe vom Juni 2010. Die historische Darstellung wird als Quelle wiedergegeben; ihre Angaben sind nicht durchgehend unabhängig bestätigt. Trennungen und Abstände wurden für das Lesen am Bildschirm bereinigt. Persönliche und familiäre Einzelheiten zu weniger als 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen wurden für diese Online-Ausgabe weggelassen oder verallgemeinert. Die Betriebs- und Baugeschichte bleibt erhalten.
- Appenzeller Volksfreund, Archiv
- Dr. Bischofberger Hermann †, Landesarchivar AI
- Brauchli Hans, Ziegelei Berg
- Fässler Cölestin, Riedverwaltung
Dr. Fässler Daniel, Allmenden von Appenzell
Dr. Hensel Eduard †, Wallisellen, GOZ - Koller Hanspeter, Feuerschauverwaltung Appenzell
- Rechsteiner Willy †, Grundbuchverwalter AI
Schweizerisches Ziegeleimuseum Cham - Signer Jakob †, Appenzellische Geschichtsblätter
- Arnold Paul, Architekt, Sempach, Schweiz. Bauzeitung
Internet-Lexiken - Angaben von ehemaligen Ziegelei-Mitarbeiter
Mündl. Überlieferungen von Verwandten u. Bekannten - Persönliche Erlebnisse
Über die Sammlung · Quellen und Bildbearbeitung
Grundlage dieser Seite ist die Schrift über die Ziegelhütte von Yvo Buschauer, 3. Auflage, Juni 2010: Deckblatt, Vorspann und Textteil. Die Darstellung ist in einen lesefreundlichen Überblick und ausführliche aufklappbare Quellentexte gegliedert. Die Kapitel der Originalschrift bleiben darin erhalten; gezielte Datenschutzanpassungen sind gekennzeichnet. Persönliche Erinnerungen sind als solche gekennzeichnet. Unsichere frühe Datierungen bleiben ausdrücklich Vermutungen.
Historische Fotografien und Abbildungen stammen aus dieser Sammlung. Die Aufnahme der Rollwagen von 1948 ist eine Vergleichsaufnahme des Bundesarchivs (Bild 183-2005-0727-513, Foto: Diedrich), keine Aufnahme aus Appenzell. Der Titelkupferstich ist eine neu geschaffene Illustration nach einer historischen Ansicht des Gebäudes.
Die historischen Fotografien wurden mit KI-Unterstützung in Klarheit, Tonwerten und bei Innenaufnahmen in der Ausleuchtung verbessert. Dabei können feine Bilddetails rekonstruiert worden sein. Historische Zeichnungen, Pläne und Dokumente wurden nur behutsam digital aufbereitet. In jüngeren Gruppenaufnahmen bleiben Gesichter anonymisiert. Unbearbeitete Vorlagen bleiben im privaten Archiv erhalten.
Die Baugeschichte von 2001–2003 wird auch in der Architekturdokumentation der Kunsthalle beschrieben. Aktuelle Besuchsinformationen finden Sie auf der dortigen Website.
Impressum und Datenschutz
Herausgeber: Michael Buschauer · Historische Sammlung: Yvo Buschauer · Kontakt: info@buschauer.org
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